Am Elisabeth-Krankenhaus in Kassel befindet sich eines von Deutschlands zehn größten Brustzentren. Seine Chefärztin Dr. med. Sabine Schmatloch spricht im Interview über ihre Arbeit und die Krankheit, die jede achte Frau betrifft.

Interview Ulrich Drees & Fotos: Ulrich Drees, Elisabeth-Krankenhaus Kassel GmbH

Frau Dr. Schmatloch, wie entwickelte sich Ihr Interesse für die gynäkologische Onkologie, da speziell für das Thema Brustkrebs?
Dieser Bereich interessierte mich wegen seiner Vielseitigkeit schon früh. Gleichzeitig sind zwar viele Frauen betroffen, aber es gibt auch gute Heilungschancen. Deshalb habe ich mich in meiner Ausbildung immer wieder um entsprechende Zuteilungen bemüht, weil mir das Thema immer mehr am Herzen lag.
Brustkrebs zählt zu den Erkrankungen, über die in der Öffentlichkeit viel gesprochen wird. Wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
Tatsächlich ist jede achte Frau betroffen, weshalb viele Menschen damit in Berührung kommen. Das bedingt aus meiner Sicht, dass die betroffenen Frauen gut organisiert sind. Sie kümmern sich, sie sind interessierter an der Forschung und verfügen über eine eigene Lobby. All das kommt mir als Ärztin häufig entgegen.
Resultiert daraus auch, dass hier besonders intensiv geforscht wird?
In den letzten Jahren gab es wirklich viele Fortschritte, vor allem bei der personalisierten Medizin, also speziell bei auf jede einzelne Patientin zugeschnittenen Therapien. Heute können wir mit molekular-biologischen Methoden herausfinden, ob beispielweise eine Chemotherapie überhaupt Sinn macht. Gleichzeitig werden so Medikamente möglich, die nicht mehr wie bei einer Chemotherapie radikal alle Zellen angreifen, sondern gezielt an den Krebszellen ansetzen. Daraus resultieren geringere Nebenwirkungen und immer bessere Heilungschancen.
Auch die Notwendigkeit der Brustkrebs-Vorsorge wird sehr öffentlich kommuniziert. Hilft das?
In der Tat, denn es ist völlig normal, dass Frauen zur Vorsorge gehen. Wir wissen, dass in Deutschland jährlich ca. 70.000 Frauen neu an einem Mammakarzinom erkranken und ebenso viele Männer an Prostatakarzinom. Dass aber nur ein Bruchteil der Männer die Prostatakrebsvorsorge wahrnimmt, zeigt, wie wichtig Angebote wie die staatliche Reihenuntersuchung für Frauen zwischen 50 und 69 sind. Natürlich hat auch jede Frau eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt, während kaum ein Mann einen Urologen hat.
Geht mit dieser „Öffentlichkeit“ auch eine Offenheit bei den Patientinnen und ihren Familien einher?
Leider kommt es immer noch vor, dass betroffene Frauen das Gefühl haben, uns darauf hinweisen zu müssen, dass wir wirklich „offen“ mit ihnen sein sollen. Wenn es darum geht, Informationen an die Familien der Betroffenen weiterzugeben, setzt der Datenschutz natürlich Grenzen, aber mit der entsprechenden Einwilligung funktioniert das. Daneben haben wir am Brustzentrum mehrere Psychoonkologinnen, die die Frauen und eben auch ihre Familien im Umgang mit der Erkrankung unterstützen. Wir erleben beispielsweise oft Männer, die Angst um ihre Frau haben und denen es sehr zu schaffen macht, einfach nur hilflos zusehen zu können.
Was raten Sie Frauen, mit diagnostiziertem Brustkrebs?
Es gibt da nicht die eine Antwort, denn jeder Fall ist verschieden. Grundsätzlich sollte man wohl nicht aufhören, das zu tun, was einem Spaß macht.
Erkranken Frauen vorrangig ab 50 an Brustkrebs?
Das Mammakarzinom ist schon eine Erkrankung der „alten Frau“. Trotzdem erkranken immer wieder auch jüngere Frauen, häufig bedingt durch eine Vererbung. In diesem Fällen greift die prophylaktische Therapie. Es gibt in Deutschland 18 Zentren, die betroffene Frauen und ihre Familien im Zusammenhang mit vererbtem Brust- oder Eierstockkrebs untersuchen. Das gentechnische Diagnoseverfahren ist allerdings so aufwändig, dass die Krankenkassen es nur zahlen, wenn, belegt durch entsprechende Erkrankungen bei jüngeren Frauen in der Familie, ein hohes Risiko besteht. Meist folgt dann eine intensivierte Vorsorge mit regelmäßigen Untersuchungen, oder die Brust wird prophylaktisch entfernt und dann wieder aufgebaut.
Wie reagieren Frauen, wenn sie erfahren, dass sie erkrankt sind?
Da ist natürlich jede Frau anders. Häufig ist es so, als ziehe man ihnen den Boden unter den Füßen weg. Dann ist da die Angst um ihr Leben, um die Familie, um den Mann, um die Kinder und um ihren Beruf bis hin zur Frage: Wie sehe ich aus, wenn ich keine Brust mehr habe oder sie derangiert ist.
Läuft eine Erkrankung denn meist auf die Entfernung einer Brust hinaus?
Nein. Doch wir erleben häufig, dass Frauen sagen: „Machen Sie die Brust ab, ich will nur gesund werden.“ Dabei stimmt das so nicht, denn Brustkrebs ist eine systemische Erkrankung, bei der sich die Krebszellen im Blut oder im Knochenmark ansiedeln. Deshalb gesundet man auch durch eine systemische Therapie und nicht, indem man lokal die Brust entfernt. Trotzdem müssen wir immer wieder Frauen aufklären, dass sie eine sehr gute Überlebenschance haben und dass sie ihre Brust noch brauchen werden. Natürlich wollen manche Frauen ihre Brust aber auch auf jeden Fall behalten. Sehr oft folgt das auf ein anfängliches Bedürfnis, sie entfernen zu lassen.
Sind Sie auch mit der plastischen Wiederherstellung von Brüsten befasst?
Da wir zu 70-80 % so operieren, dass wir die Brust erhalten, was auch zu unserer Zertifizierung als Brustzentrum gehört, ersetzen wir eher entferntes Gewebe durch Brustimplantate. Aber natürlich bieten wir hier am Brustzentrum alle Möglichkeiten an und besprechen die mit unseren Patientinnen. Wenn eine entfernte Brust wieder aufgebaut werden soll, binden wir die plastischen Chirurgen ein, die dazu körpereigenes Gewebe von anderen Regionen, also z. B. vom Bauch, transplantieren.
Sterben trotz aller Fortschritte manche Ihrer Patientinnen?
Das geschieht. Trotz der guten Heilungschancen kommt es immer wieder auf die individuelle biologische Ausprägung und den Zeitpunkt der Entdeckung an. Bei einem bereits metastasierten Karzinom können wir das Leben zwar noch deutlich verlängern, am Ende ist dies jedoch trotzdem tödlich.
Wie gehen Sie und Ihr Team damit um?
Das braucht zwar einerseits eine professionelle Abgrenzung, um weiter unsere Arbeit machen zu können – alles andere würde ja niemandem nutzen –, aber wenn eine Patientin mit schwerem Befund geht, dann belastet uns das natürlich. Da setzt so etwas wie eine „Team-Traurigkeit“ ein.
Das Brustzentrum des Elisabeth-Krankenhauses ist Hessens größtes Zentrum und zählt zu den zehn größten Zentren in ganz Deutschland. Wie nehmen Sie das wahr?
Es ist bemerkenswert, was unser vergleichsweise kleines Krankenhaus hier bietet. Meine beiden Vorgänger, Herr Dr. Hopf und Frau Dr. Conrad, haben es bereits ausgebaut, und auch unter meiner Leitung ist es bis ans Maximum dessen, was hier möglich ist, gewachsen. Daraus folgt, dass ich für meine Arbeit auf Kooperationen mit zahlreichen externen Kollegen angewiesen bin, denn ich brauche Radiologen, Onkologen, Plastiker und andere Spezialisten. Der Vorteil ist dabei aber, dass ich mir immer die besten heraussuchen kann. Beispielsweise pflege ich eine sehr enge Zusammenarbeit mit dem Diagnostischen Brustzentrum Göttingen, das zu den führenden Deutschlands gehört. Hinzu kommt, dass sich aus der Größe des Elisabeth-Krankenhauses eine sehr angenehme, familiäre Atmosphäre ergibt, von der auch unsere Patientinnen profitieren. Und nicht zuletzt haben wir Krankenschwestern, die schon mehr als 20 Jahre hier arbeiten. Die beherrschen ihr Fach einfach hervorragend. Sie kennen sich aus und wissen, wie sie mit den Patientinnen umgehen müssen. Das ist ein großer Vorteil.
Was bedeutet Ihre Rolle als Chefärztin für Ihre Arbeit?
Natürlich ist es unumgänglich, dass ich mein Fach beherrsche. Worauf mich aber niemand vorbereitet hat, sind die anderen Faktoren, auf die es wesentlich ankommt. Ich muss einfach extrem gut organisiert sein, brauche eine gehörige Entscheidungsfreude und ganz wichtig: Ich muss zu jeder Zeit mein Team mitnehmen, denn ohne dass sich jede und jeder Einzelne mit seiner Arbeit identifiziert, geht es nicht. Das zu gewährleisten, ist fundamental für das Funktionieren unseres Zentrums.
Wie können Sie Ihre anspruchsvolle Tätigkeit mit Ihrem Privatleben verbinden?
Das ist wieder eine Frage der Organisation. Beispielsweise stehe ich morgens sehr früh auf, um zwischen 5 und 6 Uhr Sport zu treiben, bevor um 7 Uhr die Arbeit beginnt. Das gibt mir viel Kraft für den Tag. Da ich mit einem plastischen Chirurgen verheiratet bin und sehr nah an der Klinik wohne, gehen Arbeit und Privatleben oft fließend ineinander über. Nicht zuletzt begeistert mich mein Beruf jeden Tag aufs Neue.

Dr. med. Sabine Schmatloch
Chefärztin des Brustzentrums des Elisabeth-Krankenhaus Kassel
Sabine Schmatloch ist gebürtige Bayerin und wuchs in der kleinen Universitätsstadt Eichstätt auf. Von dort ging sie zum Studium nach Regensburg und nach dem Physikum nach Würzburg. Nach ihrer Zeit als Ärztin im Praktikum wechselte sie 2000 zur frauenärztlichen Facharztausbildung ans Klinikum Kassel. Dort spezialisierte sie sich auf das Thema Brust und absolvierte parallel zu ihrer ärztlichen Tätigkeit die Schwerpunktausbildung im Bereich der gynäkologischen Onkologie. 2011 kam sie als Oberärztin ans Brustzentrum des Elisabeth-Krankenhauses und übernahm dessen Leitung, nachdem ihre Vorgängerin Dr. med. Bettina Conrad in den Ruhestand gewechselt war. Aktuell arbeitet sie von dort aus mit vielen weiteren Spezialisten zusammen, darunter auch ihrem Mann, dem plastischen Chirurgen Prof. Dr. med. Ernst Magnus Noah, der in Kassel die Noahklinik eröffnete.

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