Charakter-Chefredakteur Ulrich Drees sprach im Einbecker PS.SPEICHER, am Seeburger See und am Deutschen Theater in Göttingen mit Claudia Weitemeyer, die seit Anfang des Jahres hauptamtlich die SüdniedersachsenStiftung leitet, über Lebensweisheiten, Mut und die Aufgabe, eine ganze Region voranzubringen.
Interview: Ulrich Drees | Fotos: Stephan Beuermann
Frau Weitemeyer, schon als junge Frau haben Sie eine für Ihre Biografie wichtige Entscheidung getroffen. Worum ging es?
Meine Kindheit und Jugend habe ich in Leipzig verbracht. Nach meiner Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau, das DDR-Pendant zur Industriekauffrau, zog es mich mit 18 nach Dresden. Zwei Jahre vor dem Mauerfall ergriff ich im August 1987 die Chance, die DDR zu verlassen.
In diesem Alter sicher kein einfacher Schritt. Warum sind Sie fortgegangen?
Der Gedanke war bereits länger in mir gereift. Ich wusste schon als junges Mädchen, dass ich ein freieres, geradlinigeres und ehrlicheres Leben führen wollte, als es die Perspektiven in der DDR zum damaligen Zeitpunkt hergaben. Als ich im August 1987 die Genehmigung bekam, an der Urnenbeisetzung meines Großvaters in Regensburg teilzunehmen, entschied ich mich, in der BRD zu bleiben und nicht nach Hause zurückzukehren. Ich war noch keine 21. Dass zwei Jahre später die Grenze geöffnet würde, war da noch überhaupt nicht abzusehen.
Wie hat Ihre Familie reagiert?
Die Reaktionen in meinem familiären Umfeld und Freundeskreis waren nicht nur von Verständnis geprägt. Nicht aus politischen Gründen, sondern weil uns plötzlich viel mehr trennte, als eine einfache Landesgrenze – wir wussten nicht, wann und wo wir uns wiedersehen würden.
Wie ging es dann für Sie weiter?
Ich lebte zunächst für einige Zeit bei Freunden unserer Familie in Celle. Dort begann ich direkt mit einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin in Englisch, um meine Sprachkenntnisse zu festigen und eine weitere Ausbildung zu haben. Ein Jahr später erfüllte ich mir meinen Traum, für längere Zeit in den USA zu leben, und flog im Januar 89 mit 300 Dollar in der Tasche nach San Diego. Dort suchte ich mir dann Jobs und bin viel in Kalifornien und Nevada herumgereist.
Was denken Sie heute über diese Zeit?
Zunächst einmal waren die USA für mich damals der Inbegriff von Freiheit und Weltoffenheit, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – ich war ein Systemkind der DDR. Umso schlimmer finde ich, was dort aktuell passiert. Aber obwohl ich dieses Jahr noch heute als großartige Erfahrung sehe und dort liebe Freunde gefunden habe, wurde mir sehr schnell klar, dass ich nicht dauerhaft in Amerika leben möchte. Vieles erschien mir dort zu oberflächlich. Manchmal hatte ich den Eindruck, für einige Amerikaner endete die Welt an der Landesgrenze. Es gab zum Beispiel viele Menschen, die wussten nicht einmal, dass es ein geteiltes Deutschland gab.
Spielte es bei Ihren Begegnungen damals eine Rolle, dass Sie aus der DDR stammten?
Ja, manchmal. Zweimal wurde ich in Schulen eingeladen, um über die DDR zu sprechen. Die Schüler fragten mich dann beispielsweise, ob wir überhaupt aus dem Haus gehen durften, ob es bei uns Diskotheken gab, ob wir alles einkaufen konnten und es genug zu essen gab.
Wann sind Sie zurückgekehrt?
Als ich im Oktober 89 im Fernsehen die Leute auf der Berliner Mauer tanzen sah und von der Grenzöffnung erfuhr, wollte ich unbedingt nach Deutschland zurück, um Weihnachten endlich wieder bei meiner Familie in Leipzig sein zu können.
Sind Sie dann in Deutschland geblieben?
Ja. Zuerst habe ich eine Zeit lang in Hannover gelebt, bevor ich nach einigen Zwischenstationen in Düsseldorf landete. Dort habe ich dann neun Jahre für eine mittelständische Werbeagentur gearbeitet und fand in der Branche meine berufliche Heimat. Ich lernte von der Pike auf, wie Werbung, Marketing und Pressearbeit funktionieren und absolvierte dann zusätzlich ein berufsbegleitendes dreijähriges Studium, um mir fundiertes Basiswissen anzueignen.
Was hat Sie an dieser Branche so gereizt?
Sprache und das Schreiben grundsätzlich fielen mir von klein auf leicht. Da war ich also in meinem Metier. Und auch das Reinfuchsen in immer neue Produkte, neue Unternehmen und neue Märkte war meins. Das machte die Arbeit auf Agenturseite unglaublich vielseitig. Und bis heute macht es mir viel Freude, Menschen über eine klare Kommunikation mitzunehmen und zu überzeugen. Mit den richtigen Worten sind wir in der Lage, Menschen für eine Idee oder ein gemeinsames Ziel zu begeistern und dahinter zu vereinen. Das liegt mir.

Wie sind Sie von Düsseldorf nach Göttingen gelangt?
In gewisser Weise über meinen Beruf. Ich habe darüber meinen späteren Mann, Dirk Weitemeyer, kennengelernt, der als Fachhändler für Bürokommunikation eine Marke führte, die bei der Düsseldorfer Agentur mein größter Kunde im Bereich Pressearbeit und Händlermarketing war. Seinetwegen hab ich mich entschieden, nach Göttingen zu ziehen, wo auch unser Sohn Tom geboren wurde. Das ist unglaubliche 22 Jahre her. Ich gebe zu, dass ich einen Moment brauchte, um nach 14 Jahren in einer Stadt wie Düsseldorf hier anzukommen, aber aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft mit Göttingen und der Region ist längst eine echte Liebesbeziehung geworden. Ich finde, man kann hier wirklich gut leben und für Tom war es großartig, in Göttingen aufzuwachsen.
Und kann man hier auch gut arbeiten?
Absolut. Schon bald, nachdem ich hergezogen war, habe ich mich als Freiberuflerin selbstständig gemacht und Unternehmen bei ihrer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Dabei lernte ich die Grafikerin Renate Kolle kennen und weil unsere Zusammenarbeit von Anfang an wirklich gut funktionierte, haben wir bald darauf die Agentur „Mamba Kommunikation“ gegründet. Renate war gewissermaßen unser Bild und ich unser Wort. Relativ schnell stellten wir dann noch zwei Mitarbeiterinnen ein und erweiterten unser Portfolio unter dem Label „Mamba Events“ um das Angebot des Veranstaltungsmanagements. Aufwändige Eventkonzepte aufzusetzen, für Menschen einen besonderen Moment, ein außergewöhnliches emotionales Erlebnis zu schaffen, gehörte schon zu Düsseldorfer Agenturzeiten zu meiner Leidenschaft, wo wir für unsere Kunden bundesweite Roadshows und Großveranstaltungen organisierten.
Nach drei spannenden Jahren der Selbständigkeit haben Renate und ich Mamba dann an die Göttinger Agentur Blackbit verkauft, bei der ich im Anschluss als Kundenberaterin arbeitete. Und weitere drei Jahre später wurde ich durch Zufall auf eine Stellenausschreibung der Stadtwerke Göttingen aufmerksam. Ich nutzte die Gelegenheit, um von der Agentur- auf die Unternehmensseite zu wechseln und bewarb mich. Chancen muss man schließlich nutzen, man weiß nie, ob sie wieder kommen.
Gibt es noch weitere Grundsätze, die für Ihr Leben wichtig sind?
Ja. Mir fallen zwei für mich sehr prägende Leitsätze ein. Den Ersten habe ich von einer lieben Freundin: „Ein Nein hab ich schon, ein Ja kann ich kriegen.“ Soll heißen, bevor ich es nicht wirklich versucht habe, gebe ich nicht auf. Und ganz zentral ist für mich „Love it, change it oder leave it!“ Sich der eigenen Unzufriedenheit zu ergeben, mag für eine gewisse Zeit verständlich sein, aber irgendwann sollte man ins Handeln kommen und die Dinge ändern. Es erstaunt mich häufiger, wie viele Menschen mit ihrem Leben unzufrieden sind, aber trotzdem nicht den Mut oder die Kraft aufbringen, daran etwas zu ändern.
Kennzeichnet dieser Mut zur Veränderung Ihr Leben?
Unbedingt! Ich möchte mein Leben aktiv gestalten. Da, wo ich bin, will ich auch etwas bewegen, etwas zum Besseren verändern, aktiv mitgestalten. Und Veränderung heißt natürlich auch immer, ein Risiko einzugehen, sich auszuprobieren und ja, vielleicht auch mal zu scheitern.
Wenn man sich wie Sie professionell mit Kommunikation auseinandersetzt, hat man eine bestimmte Methode, um sich eine Meinung über einen anderen Menschen zu bilden?
Das ist weniger eine Frage der Kommunikationsfähigkeit als der Lebenserfahrung, Reife und Souveränität. Ich weiß heute, dass ich mich meistens auf mein Bauchgefühl verlassen kann. Natürlich täusche ich mich auch mal, aber gerade in meiner neuen beruflichen Position hilft es mir sehr, denn ich habe in den letzten Monaten viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Dank meiner Intuition kann ich relativ schnell einschätzen, was mein Gegenüber motiviert. Das hilft mir, die passende Kommunikationsebene zu finden, um einen Konsens zwischen seiner Agenda und dem Auftrag herzustellen, den die Stiftung für die Region erfüllen soll. Eigene Ziele zu verfolgen, ist grundsätzlich legitim. Meine Aufgabe ist es aber, dafür zu werben, dass wir in der Region am Ende alle an einem Strang ziehen, um gemeinsam etwas nach vorne zu bringen und dabei hilft mir dann ganz sicher auch meine Fähigkeit zu kommunizieren.
Dazu gehört auch zu akzeptieren, dass man es nicht jedem recht machen kann. Wenn man sich leidenschaftlich für eine Sache einsetzt, wird man immer wieder mal jemandem „auf den Fuß treten“, dessen Meinung und Interessenslage gerade eine völlig andere ist. Dann gilt es, sich in die Augen zu schauen und eine gemeinsame, der Sache dienliche Lösung zu finden. Und genau dafür werbe ich in meiner neuen Rolle mantra-artig.
Sie sprechen Ihre aktuelle Tätigkeit an. Was hat Sie dazu bewogen, die Position der hauptamtlichen Vorstandsvorsitzenden für die Stiftung zu übernehmen, die zuvor ehrenamtlich von Dr. Jochen Kuhl ausgefüllt wurde?
Vorweg: Ich habe wirklich gern für die Stadtwerke gearbeitet. Das ist ein tolles Unternehmen, das für die Stadt Göttingen, ihre Menschen und die Zukunft der lokalen Energieversorgung eine absolut wichtige Aufgabe erfüllt. Auch menschlich habe ich mich dort sehr wohlgefühlt. Gerade in den letzten anderthalb Jahren vor meinem Wechsel war ich maßgeblich in den spannenden Kulturwandel eingebunden, den die Stadtwerke vollziehen. Meine berufsbegleitende Ausbildung zur Organisationsentwicklerin hat mir noch einmal bewusst gemacht, wie wirksam ich auch in diesem Bereich sein konnte. Ausgerechnet in dieser Situation wurde ich dann angesprochen, ob ich mir den Posten bei der SüdniedersachsenStiftung vorstellen könne und damit öffnete sich für mich eine ganz neue Tür. Meine beruflichen und persönlichen Erfahrungen in Kombination mit der Chance, hier in der Region wirklich mitgestalten zu können, machten für mich einen großen Reiz aus.
Aus der reinen Vorstellung wurde dann offensichtlich mehr.
In diesem Bewerbungsprozess habe ich Stufe für Stufe genommen und mich fast ein halbes Jahr lang in diversen Terminen intensiv mit dieser potenziellen Aufgabe auseinandergesetzt – immer aus der sehr komfortablen Position bei den Stadtwerken heraus. Als sich dann aber im Mai letzten Jahres der Stiftungsrat einstimmig für mich entschied, war es für mich klar, dass ich den Vertrag unterzeichne und ich habe mich riesig auf diese Herausforderung gefreut.
Das heißt, das klare Bekenntnis des Stiftungsrats gab den Ausschlag?
Das war für mich ein wichtiger Vertrauensbeweis durch das 30-köpfige Stiftungsgremium, denn damit hatte ich das Mandat jedes einzelnen Mitglieds. Trotzdem: Ich habe ein langjähriges, sicheres Arbeitsverhältnis bei den Stadtwerken für eine Position aufgegeben, in der ich laut Satzung alle zwei Jahre zur Disposition stehe – der Stiftungsrat wählt mich dann erneut in den Vorstand und innerhalb des Vorstands zur Vorsitzenden.
Man muss kein Experte sein, um sich vorzustellen, wie schwierig es sein dürfte, die vielen Interessen der unterschiedlichen Akteure in Südniedersachsen zu einem handlungsfähigen Ganzen zu bündeln. Hat Sie das nicht abgeschreckt?
Beworben habe ich mich mit meinen Werten Klarheit, Transparenz und Konsistenz und genau die bestimmen mein Handeln. Dass es sich schon bei der Weiterentwicklung der Stiftung um eine gewaltige Aufgabe handelt, war mir von Anfang an klar. Neben der originären Stiftungsarbeit beschäftigt mich seit Wochen aber insbesondere der an die Stiftung erteilte Auftrag, das Standortmarketing für Südniedersachsen als Kompetenzzentrum für rote und grüne Life Sciences aufzusetzen. Die roten Lebenswissenschaften stehen für Biotechnologie, Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft, während mit den grünen die Agrar- und Ernährungswissenschaften gemeint sind. Auf Life Sciences als Standortstärke haben sich die regionalen Akteure in einem breiten Beteiligungsprozess, insbesondere in 2023, verständigt. Südniedersachsen ist mit seiner starken Forschungslandschaft sowie den mehr als 100 den Lebenswissenschaften mittel- oder unmittelbar zuzuordnenden Unternehmen der bedeutendste Ballungsraum für die Lebenswissenschaften in Niedersachsen. Der Entscheidung, Südniedersachsen darüber zu positionieren, muss jetzt zwingend die einhellige Bereitschaft aller Akteure zu einer gemeinsamen Anstrengung folgen, damit wir Erfolg haben. Ziel für die kommenden Jahre und Jahrzehnte ist es, überregional bis international sichtbar zu werden und sich von anderen Standorten im Kampf um die besten Fachkräfte, Unternehmen, Startups und Investoren abzugrenzen. Göttingen und Südniedersachsen sind the Place to be, wenn es um Life Sciences an einem Standort mit attraktiver Lebensqualität geht.

Mit welchen Inhalten funktioniert Standortmarketing, um Fachkräfte in die Region zu holen?
Das ist ein breites Feld, für dass es keine Patentlösung gibt. Menschen, die nach Südniedersachsen kommen, suchen neben einem interessanten Arbeitgeber attraktive Standortbedingungen wie bezahlbaren Wohnraum, gute ÖPNV-Anbindungen, Betreuungs- und Bildungsangebote für ihre Kinder, eine vielfältige Kunst- und Kulturlandschaft und vieles mehr. Um zwei Beispiele zu nennen: Auf einer Veranstaltung in Northeim erlebte ich einen Impulsvortrag von Vertretern der Helios-Klinik. Sie sprachen darüber, was es braucht, um ausländische Pflegekräfte an ihre Klinik zu holen. Da ging es zentral eben genau um diesen bezahlbaren Wohnraum direkt in Northeim. Der ist auch dort eher knapp und selbst wenn es im ländlichen Umland entsprechende Wohnungen gibt, hapert es dann am ÖPNV, der den Weg zwischen Wohnort und Arbeitsplatz für die Pflegekraft auch morgens um 6 Uhr oder abends um 22 Uhr abdeckt. Das heißt, hier ist Standortmarketing eigentlich ein infrastrukturelles Thema.
Gleichzeitig braucht es natürlich auch klassisches Marketing, um überhaupt sichtbar und wahrgenommen zu werden. Deshalb haben wir gerade gemeinsam mit unserer Agentur eine Textkampagne entwickelt, die wir Ende Juni starten. Sie greift die aktuellen Entwicklungen in den USA im Umgang mit Wissenschaft und Forschung auf. Unter dem Motto „Scientists welcome!“ werben wir mit Aussagen wie „Higher education in Lower Saxony“ oder “Sei wer du bist, sag was du denkst, leb was du liebst“. Mit dieser ersten Kampagne wollen wir Südniedersachsens Positionierung als Life Science-Standort, an dem Wissenschaftler willkommen sind und Forschung sich frei entfalten kann, in die Tat umsetzen und Akteure dazu motivieren, sich zu beteiligen. Unternehmen, Kommunen und die Hochschulen mit ihren Studierenden sollen unsere Kampagnen-Posts auf ihren Social Media-Kanälen teilen und liken. Erste Gespräche dazu habe ich bereits geführt und konnte Unterstützungszusagen mitnehmen. Darüber können wir eine erste virale Reichweite erreichen. Und wir werden die Kampagne überregional mit Pressemeldungen an den Focus, Spiegel und andere Medien lancieren und hoffen natürlich darauf, Aufmerksamkeit über die Region hinaus zu erzeugen.
Auf diese Weise können wir mit relativ wenig finanziellem Aufwand einen ersten Impuls setzen und so eine erste Sichtbarkeit nach innen und außen erzeugen, die wir in Zukunft brauchen, um im besten Fall alle in Südniedersachsen zu überzeugen, sich gemeinsam mit uns auf den Weg zu machen.
Wie ist die Ausgangssituation für diese gemeinsamen Anstrengungen?
Viele der Kommunen Südniedersachsens sind in einer Haushaltssicherungslage und auch für die Wirtschaft sind die Zeiten schon länger schwierig. Manche Unternehmen müssen Leute entlassen. An den Hochschulen sind die Studierendenzahlen rückläufig und auch hier wird bald die demografische Entwicklung in unserer Gesellschaft zuschlagen. Nachvollziehbar, dass da häufig eher Einzelinteressen im Fokus stehen. Deshalb sind wir als parteipolitisch neutrale Organisation bestens geeignet, alle Akteure – von Holzminden bis Goslar – hinter dem Standortvorteil der Life Sciences zu vereinen und die gemeinsame Identität nach draußen zu tragen. Dazu braucht es möglichst viele Multiplikatoren, die sich mit Ideen, Tatkraft und natürlich auch finanziell in dieses gemeinsame Vorhaben einbringen.
Sind Sie nach nun etwa fünf Monaten zuversichtlich, dass die nötigen Mittel zusammenkommen, um die Life Sciences für die Region als Schwerpunkt zu platzieren?
Die Landkreise Göttingen und Northeim sowie die Stadt Göttingen sind finanziell in Vorleistung gegangen und haben die inzwischen gegründete AISN Regionalmarketing GmbH – eine Tochter der Stiftung – auf zunächst zwei Jahre mit einer Grundfinanzierung für ihr regionales Mandat ausgestattet. Das ist wirklich großartig und in der aktuellen Haushaltslage nicht selbstverständlich. Aus den Unternehmen wurden noch keine Mittel zur Verfügung gestellt. Doch nach den ca. 40 Gesprächen, die ich in den letzten vier Monaten geführt habe, bin ich zuversichtlich, dass wir zwar nicht alle abholen werden, sich am Ende aber eine Vielzahl an Unternehmen hinter dem Engagement für die Standortmarke versammeln und die Bemühungen finanziell unterstützen werden.
Warum zögert die Wirtschaft bisher?
Das liegt vermutlich daran, dass der damalige Ministerpräsident Stefan Weil zwar im Rahmen seiner Festansprache aus Anlass der 20-Jahrfeier der Stiftung im letzten August in Northeim, Südniedersachsen als den Ballungsraum für rote und grüne Life Sciences in Niedersachsen anerkannte, bisher jedoch kaum öffentlich wahrnehmbare Aktivitäten, sichtbar wurden. Hinzu kommt, dass sich die entsprechenden Akteure zunächst einmal intern organisieren mussten. Und deshalb arbeiten wir gemeinsam mit unserem Agenturpartner mit Hochdruck daran, Stück für Stück das Rollout für die Standortmarke zu erarbeiten, mit den Unternehmen Gespräche zu führen und die finanziellen Mittel einzuwerben.
Bezogen auf die SüdniedersachsenStiftung: Was steht jetzt an?
Die Gespräche, die ich mit Vertretern aus Unternehmen, kommunalen Einrichtungen und Hochschulen führen konnte und die Beziehungen, die ich aufzubauen begonnen habe, sind die Grundlage, um zu verstehen, wo die Bedarfe liegen und wo der Schuh drückt. Die Stiftung engagiert sich ja für weit mehr als für das Standortmarketing. Für unsere Projekte und Initiativen konnten wir allein im letzten Jahr mehr als zwei Millionen Euro Fördermittel aus Land, Bund und EU in die Region holen. Mit den Geldern vernetzen wir beispielsweise sehr erfolgreich Unternehmen und Hochschulen, um den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis zu fördern, realisieren Projekte für chancengleiche Bildungsangebote, die Fachkräftegewinnung oder die Unterstützung von Unternehmen, sich als attraktiver Arbeitgeber am Markt zu positionieren.

Wo werden zukünftig die Schwerpunkte liegen?
Ganz klar auf der Wirtschaft. Die Wertschöpfungskette funktioniert ganz einfach – geht es der Wirtschaft gut, fließt mehr Geld an die Kommunen und die können dann wieder mehr investieren in Infrastruktur, in Kultur, in Kindertagesstätten, in Bildung und vieles mehr. All das sorgt am Ende dafür, dass die Lebensqualität steigt und es den Menschen gut, an mancher Stelle vielleicht sogar besser geht. Und das hilft dann auch wieder unserer regionalen Wirtschaft.
Gemeinsam mit Präsidium und Vorstand werden wir den Anfang des Jahres begonnenen Strategieprozess abschließen und die Stiftung zukünftig noch stärker fokussieren. Wenn wir die Wirtschaft stärker in den Blick nehmen, muss es also darum gehen, Fachkräfte in die Region zu holen und hier zu halten. In der Aus- und Weiterbildung wollen wir Unternehmen aufzeigen, wie sie Menschen qualifizieren oder in den Arbeitsprozess zurückholen. Das beinhaltet auch, Kinder und Jugendliche von der Kita bis zur Berufsbildung so zu begleiten, dass sie ihr Potenzial ausschöpfen können. Insbesondere müssen wir schon früh MINT-Talente – also diejenigen, denen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik liegen – identifizieren und für diese Fächer begeistern. Das wird wiederum unseren Life Science-Fokus stärken, denn genau diese Arbeitskräfte werden Unternehmen in unserer Region zukünftig brauchen. Es gilt, zu diesen Themen zukünftig unsere Angebote noch stärker auszubauen und die dafür notwendigen Netzwerke zu intensivieren.
Ein weiterer Schwerpunkt resultiert daraus, dass immer noch zu wenig Menschen wissen, was die Stiftung eigentlich genau macht und welche besondere Rolle sie für die Region hat. Hier müssen wir an unserem Storytelling arbeiten und uns auf Kernbotschaften fokussieren.
Was sagen Sie als Marketing-Expertin? Wie werden Sie den Bekanntheitsgrad der Stiftung steigern?
Wir brauchen in der Tat eine Schärfung unseres Profils und eine größere Sichtbarkeit. Jedem Teammitglied unserer Stiftung und jedem Mitglied unserer Gremien müssen wir eine kurze und prägnante Geschichte an die Hand geben, um die Stiftung im eigenen beruflichen und privaten Umfeld verständlich vorstellen zu können und das bitte frei nach dem Motto „Keep it short und simple“. Jeder, der mit der Stiftung in Kontakt kommt, ist für uns ein wertvoller Multiplikator. Nach draußen erarbeiten wir gerade ein Kommunikationskonzept, in dem wir die individuellen Mehrwerte ausloben, die wir den unterschiedlichen Stakeholdern bieten. Jeder unserer Förderpartner erhält seit diesem Jahr außerdem einen Jahresrückblick über die gemeinsamen Aktivitäten in den vergangenen 12 Monaten. Wir müssen unser Engagement und unsere ganz konkreten Erfolge für die Region stärker ins Schaufenster stellen, dann wird es uns auch leichter fallen, weitere Förderpartner zu gewinnen.
Angesichts der schwierigen Gesamtsituation und der vielen Herausforderungen, wie zentral ist denn das Thema Life Science gerade für die Arbeit der Stiftung?
Eins ist klar: Der Auftrag der Stiftung umfasst neben dem Standortmarketing für den Life Science-Standort noch viele andere für die Region enorm wichtige Themen. Daran ändert sich auch mit diesem Auftrag nichts! Um Südniedersachsen als Life-Science-Ballungsraum voranzubringen, haben wir deshalb Ende März eine Tochtergesellschaft gegründet: die AISN Regionalmarketing GmbH. AISN steht dabei für „Alle in Südniedersachsen“. Und dieser Claim ist Programm, soll heißen – wir wollen so viele Akteure wie möglich hinter dem großen gemeinsamen Vorhaben versammeln. Dafür werbe ich leidenschaftlich!
Was wünschen Sie sich für Ihre Aufgabe und die Zukunft der SüdniedersachsenStiftung?
Mein Stiftungsteam und ich werden weiter hart daran arbeiten, den regionalen Akteuren ein starker Partner zu sein, der sie bei ihren vielfältigen Herausforderungen unterstützt. Unsere für die Region einzigartige Rolle müssen wir klarer kommunizieren, um noch mehr Unternehmen dafür zu gewinnen, sich mit uns gemeinsam für eine florierende, erfolgreiche Region zu engagieren. Dabei werde ich mich sukzessive auch der an mich adressierten Rolle annehmen, die regionalen Interessen auch Richtung Landesregierung zu vertreten. Ich freue mich auf alles, was da kommt!
Claudia Weitemeyer
Die 1966 in der Nähe von Leipzig geborene Kommunikationsexpertin arbeitete zunächst viele Jahre in einer Düsseldorfer Werbeagentur, in den letzten zwei Jahren dort als Mitglied der erweiterten Geschäftsführung. Später leitete sie in Düsseldorf für zwei Jahre die Tochtergesellschaft einer internationalen Messe- und Eventgesellschaft. In Göttingen angekommen, gründete sie gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Renate Kolle die Werbe- und Event-Agentur Mamba Kommunikation, arbeitet später für die Agentur Blackbit und verantwortete schließlich zehn Jahre lang als Pressesprecherin die Unternehmenskommunikation der Göttinger Stadtwerke. Zum 1. Januar 2025 übernahm sie als Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende die Leitung der SüdniedersachsenStiftung und damit auch den Auftrag, für die Region das Standortmarketing als herausragendes Kompetenzzentrum und Ballungsraum für rote und grüne Life Sciences in Niedersachsen umzusetzen.
Life Science Valley Niedersachsen?
Nachdem der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident im vergangenen Jahr das Life Science Valley Niedersachsen ausrief, geht es für die regionalen Akteure nun darum, die Wahrnehmung des Life Science-Schwerpunkts in Südniedersachsen zu verstetigen. Dazu Claudia Weitemeyer: „Wir haben hier über 100 Unternehmen, zum Teil DAX-Konzerne, die mittel- oder unmittelbar den roten und grünen Life Sciences zuzuordnen sind. Jeder fünfte Arbeitsplatz in der Region gehört dazu. Deshalb ist unser Anspruch als Vorreiter klar. Gleichzeitig geht es bei diesem Thema darum, Forschungsergebnisse aus den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in die sogenannte Translation zu führen, also über Ausgründungen in die wirtschaftliche Anwendung zu bringen, damit sie für Mensch und Umwelt nutzbar werden. Und natürlich kooperieren wir aus Südniedersachsen heraus mit so starken Forschungspartnern wie u.a. der Medizinischen Hochschule in Hannover oder dem Helmholtz-Institut in Braunschweig. Wir müssen unseren südniedersächsischen Vorsprung landesweit einbringen.“
Fitness und Familie
Aktuell hat Claudia Weitemeyer wenig Freizeit. „Als Ausgleich zu meiner herausfordernden, zeitlich aufwändigen Aufgabe trainiere ich möglichst dreimal pro Woche morgens um sechs, einmal wöchentlich lasse ich mich von einem Personal Trainer auspowern“, erklärt sie. „Darüber hinaus bleibt aktuell nicht viel Zeit für Privates. Das war mir für den Einstieg in diese große Aufgabe absolut klar, darf aber in dieser Intensität nicht dauerhaft so weiter gehen. Meine Familie und Freunde sind mir sehr wichtig und dafür muss sukzessive wieder mehr Zeit sein.
Motive aus der „Scientists welcome!“-Kampagne
Mit dieser Kampagne soll Südniedersachsen überregional als Wissenschaftsstandort beworben werden – denn Freiheit für Forschung und Wissenschaft ist bei uns selbstverständlich.


