Wie eine Reso­zia­li­sie­rung zur Lie­be auf den ers­ten Blick wer­den kann – dar­über sprach Cha­rak­ter-Chef­re­dak­teur Ulrich Drees in der Stadt­bi­blio­thek Göt­tin­gen mit Jac­que­line Amir­fall­ah, die jahr­zehn­te­lang als Fern­seh­kö­chin arbei­te­te und das Gauß als Küchen­che­fin in die Gour­met­füh­rer kata­pul­tier­te.

Inter­view: Ulrich Drees | Fotos: Ste­phan Beu­er­mann

Frau Amir­fall­ah, wenn wir uns hier in der Göt­tin­ger Stadt­bi­blio­thek gera­de zufäl­lig begeg­net wären, wie wür­den Sie sich vor­stel­len?
Hal­lo, mein Name ist Jac­que­line, ich bin Köchin, selbst­stän­di­ge Köchin und wir sind hier, weil ich so ger­ne lese.

Kochen und Lesen – lesen Sie vie­le Koch­bü­cher?
Nur sel­ten. Manch­mal inter­es­siert mich jemand als Koch, dann schaue ich mir auch mal sein Koch­buch an. Ansons­ten lese ich viel lie­ber ande­re Sachen. Vor­lie­ben habe ich dabei eigent­lich nicht. Schon mein gan­zes Leben lang bin ich meis­tens kreuz und quer in meh­re­ren Büchern auf ein­mal unter­wegs. Abends, wenn die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit nicht mehr so da ist, zum Bei­spiel in einem Kri­mi oder einem Roman, tags­über eher Sach­bü­cher. Aktu­ell lese ich die hoch­span­nen­de Bio­gra­fie des chi­ne­si­schen Staats­prä­si­den­ten Xi Jin­ping von Ste­fan Aust.

Sie leben in Göt­tin­gen, wur­den Sie auch hier gebo­ren?
Das schon, aller­dings bin ich mit vier Jah­ren mit mei­ner Fami­lie 1964 in den Iran umge­zo­gen und dort auch auf­ge­wach­sen. Mei­ne Mut­ter war Deut­sche und mein Vater Ira­ner. Er war 1962 für sein Stu­di­um nach Deutsch­land gekom­men und woll­te danach zurück in sei­ne Hei­mat. Damals herrsch­te noch der Schah im Iran, was anders als es heu­te manch­mal dar­ge­stellt wird, übri­gens auch nicht so beson­ders groß­ar­tig war.

Wie lan­ge haben Sie im Iran gelebt?
Bis zu mei­nem 20. Lebens­jahr. Wir wohn­ten in der Regi­on Aser­bai­dschan im Nord­wes­ten des Irans – also ziem­lich in der Pro­vinz, denn der Iran ist ähn­lich zen­tra­lis­tisch orga­ni­siert wie Frank­reich. Alles kon­zen­triert sich auf Tehe­ran. Ich hat­te gera­de mein Abitur gemacht und ein Stu­di­um begon­nen, als 1979 die ira­ni­sche Revo­lu­ti­on aus­brach und der Schah gestürzt wur­de. Für etwa ein hal­bes Jahr herrsch­te eine wun­der­ba­re Auf­bruchs­stim­mung. Alles war sehr frei, sehr offen und wir dach­ten: Jetzt ist alles mög­lich. Dann eta­blier­te sich nach und nach die isla­mi­sche Repu­blik, die rasch einen wahn­sin­ni­gen Druck aus­zu­üben begann. Im Zuge der Kul­tur­evo­lu­ti­on wur­den die Unis geschlos­sen, das Kli­ma wur­de immer rau­er und rasch wur­de der Iran zu einem Ort, an dem kein Platz mehr für jun­ge Frau­en war, die auch nur ein wenig Selbst­stän­dig­keit woll­ten. Zuerst plan­te ich, nach New York zu gehen, wo bereits mein Bru­der stu­dier­te. Doch nach­dem im Novem­ber 1979 die US-Bot­schaft in Tehe­ran besetzt wor­den war, wur­de in den USA alles gestri­chen, was irgend­wie mit dem Iran zu tun hat­te. Also kam ich nach Deutsch­land.

Wie haben Sie das emp­fun­den?
Das war schon ein grö­ße­rer Bruch. Ich bin drei­spra­chig auf­ge­wach­sen, mit Per­sisch, Aser­bai­dscha­nisch – einem tür­ki­schen Dia­lekt und Deutsch. Das haben wir zu Hau­se gespro­chen. Des­halb dach­te ich, dass ich hier gut klar­kom­men wür­de, es wur­de dann jedoch schwie­ri­ger, als ich erwar­tet hät­te.

Wor­an lag das?
Das lässt sich am bes­ten mit einem Zitat von Frau Mül­ler erklä­ren. Das war mei­ne Deutsch­leh­re­rin am Stu­di­en­kol­leg, wo Men­schen, die ihr Abitur im Aus­land gemacht hat­ten, das deut­sche Abitur nach­ho­len konn­ten. Sie sag­te mir ein­mal: „Jac­que­line, Sie spre­chen wirk­lich gut Deutsch, aber Sie haben das Wesen der deut­schen Spra­che nicht erfasst.“ Womit sie sogar recht hat­te, denn ich war vor­her nur etwa drei oder vier Mal im Urlaub in Euro­pa gewe­sen.

Das Wesen der deut­schen Spra­che – das klingt ein wenig geheim­nis­voll. Konn­ten Sie es sich dann aneig­nen?
Ja. Frau Mül­ler hat mich zu jeder Deutsch­stun­de ein deut­sches Sprich­wort oder ein geflü­gel­tes Wort her­aus­su­chen und erklä­ren las­sen, war­um es im Deut­schen wich­tig sei. Damals habe ich sie dafür gehasst – mitt­ler­wei­le sehe ich das anders.

Wel­ches Sprich­wort fällt Ihnen als ers­tes ein?
Ich erin­ne­re mich noch an vie­le, aber viel­leicht: Mor­gen­stund hat Gold im Mund.

Eine kla­re kul­tu­rel­le Ansa­ge.
Stimmt. Oder: „Wasch dich, mach dich nicht nass.“ Sol­che Sachen. Sowas muss­te ich immer fünf Minu­ten lang erklä­ren.

Wo haben Sie damals gelebt?
Zuerst in Han­no­ver. Danach woll­te ich – wenn schon New York nicht funk­tio­niert hat­te – wenigs­tens nach Ber­lin, Ham­burg oder Mün­chen. Dar­aus wur­de dann auch nichts, weil damals eine gro­ße Zahl von Ira­nern nach Deutsch­land gekom­men war und man eine Clus­ter­bil­dung ver­mei­den woll­te. Göt­tin­gen stand auf mei­ner Wunsch­lis­te, glau­be ich, auf Platz sechs. Ich hat­te es halb im Scherz genannt, weil ich ja hier gebo­ren wor­den war. Jeden­falls wur­de es dann Göt­tin­gen und ich begann, Sozio­lo­gie zu stu­die­ren.

Wie­so die­ses Fach?
Ver­mut­lich, weil ich aus einem wirk­lich unfrei­en Land kam. Man muss das jetzt nicht aus­brei­ten, aber das Land hat­te sich von der Dik­ta­tur unter dem Schah nach sechs kur­zen Mona­ten in eine noch schlim­me­re Dik­ta­tur ver­wan­delt.

Heu­te lei­ten Sie als selbst­stän­di­ge Küchen­che­fin das Apex. Sicher ein sozia­ler Ort, aber wie kamen Sie von der Sozio­lo­gie zur Gas­tro­no­mie?
Die Sozio­lo­gie hat mich zwar begeis­tert. Vor allem, weil ich schon damals so gern gele­sen habe und man in die­sem Fach wirk­lich alles lesen kann. Trotz­dem hät­te ich wohl bes­ser etwas Natur­wis­sen­schaft­li­ches stu­die­ren sol­len, weil ich eben auch Fak­ten und Klar­heit sehr schät­ze. Am Ende habe ich lan­ge stu­diert und mein Stu­di­um nicht beson­ders gut abge­schlos­sen, hat­te also einen streng genom­men völ­lig sinn­frei­en Abschluss.

Das Gefühl ken­ne ich aus eige­ner Erfah­rung.
Dem­entspre­chend hat­te ich kei­ne Aus­sicht auf irgend­was. Auch mei­nem Mann, den ich gleich mit 20 Jah­ren im Stu­den­ten­wohn­heim ken­nen­ge­lernt hat­te, ging es genau­so: Auch er bekam nach sei­nem Land­wirt­schafts­stu­di­um kei­nen Job als Agrar­in­ge­nieur. Er hat sich dann aufs Pro­gram­mie­ren ver­legt und ich fing an, im Restau­rant Sala­man­ca zu kochen. Das war damals gera­de von Mini­car gekauft wor­den, wo mein Mann und ich hin­ter dem Steu­er unser Stu­di­um finan­ziert hat­ten, und jetzt such­te man dort eben nach jeman­dem für die Sala­man­ca-Küche.
Obwohl es schon Spaß mach­te, habe ich das aber nicht beson­ders ernst genom­men. Wir sind da alle ziem­lich dilet­tan­tisch ran­ge­gan­gen. Das änder­te sich erst, als ein Mini­car-Kol­le­ge – er war Sozi­al­ar­bei­ter – einen Koch zur Reso­zia­li­sie­rung bei uns unter­brach­te, der wegen Betäu­bungs­mit­tel­ver­sto­ßes im Gefäng­nis gewe­sen war.
Als ich sah, was der in der Küche konn­te, und er mir ein paar Sachen zeig­te, war ich wirk­lich völ­lig fas­zi­niert. Es war Lie­be auf den ers­ten Blick.

Wie ging es dann wei­ter?
Ich habe ganz spon­tan im inzwi­schen geschlos­se­nen Restau­rant Mus­kat ange­ru­fen, damals eine der bes­ten Adres­sen in Göt­tin­gen, und habe gefragt, ob die mich als Aus­zu­bil­den­de neh­men. Die waren zwar etwas über­rascht, aber sie sag­ten ja. Nach mei­ner Aus­bil­dung habe ich dann erst mal in ver­schie­de­nen Restau­rants als Köchin gear­bei­tet, bevor ich das Gauß in Göt­tin­gen eröff­ne­te. Ich kam gewis­ser­ma­ßen von der brot­lo­sen Kunst zum Brot.

Was genau fas­zi­niert Sie am Kochen?
Die­se Mischung aus Hand­werk und Krea­ti­vi­tät. Man macht etwas so lan­ge, bis man es kann. So etwas, wie die­ses schnel­le Schnei­den, das kann jeder ler­nen, wenn man lan­ge genug übt. Dazu kommt die­se unend­li­che Viel­falt an Mög­lich­kei­ten. Schon bei so etwas Bana­lem wie einer Salat­sauce aus Senf, Essig und Öl: Wel­chen Essig nimmt man, wel­ches Öl nimmt man und was, um das dann wie­der run­ter­zu­dün­nen? Auf ein­mal kann man eine gan­ze Welt erschaf­fen. Auch mein Fai­ble für har­te Fak­ten wird ange­spro­chen, weil ich zum Bei­spiel wis­sen muss, was macht Eiweiß, wenn es warm wird und wie ver­hält es sich zu die­ser oder jener ande­ren Zutat? Ver­fügt man über die­ses Wis­sen, erge­ben sich dar­aus wie­der irr­sin­ni­ge Mög­lich­kei­ten. Außer­dem ist man beim Kochen eigent­lich immer unter fröh­li­chen Men­schen und nicht zuletzt ist Kochen super-ästhe­tisch. Es ist ein­fach etwas rich­tig Schö­nes.

Wie wich­tig ist es Ihnen, dass ein Gericht hin­ter­her schmeckt?
Dass es schmeckt, ist mir sehr wich­tig. Ins­be­son­de­re muss es aber mir selbst schme­cken, denn aus mei­ner Sicht kommt es beim Kochen auf die eige­ne Moti­va­ti­on an, etwas Beson­de­res und Eigen­stän­di­ges zu kochen. Wenn man das nicht aus sich selbst her­aus ent­wi­ckelt, bleibt man dau­er­haft im Main­stream. Ein Koch soll­te irgend­wann eine eige­ne Hand­schrift ent­wi­ckeln – und das Ergeb­nis natür­lich selbst mögen. Sonst kann man ja nicht dazu ste­hen.

Was wäre Ihre Hand­schrift?
Da ich in zwei Kul­tu­ren auf­ge­wach­sen bin, ver­mi­sche ich sehr gern die euro­päi­sche mit der ori­en­ta­li­schen Küche. Bei­spiels­wei­se indem ich sehr vie­le Gewür­ze nut­ze.

Die eige­ne Lei­den­schaft fürs Kochen in einer Restau­rant­kü­che aus­zu­le­ben, ist das eine, sie Mil­lio­nen von Men­schen im Fern­se­hen zu ver­mit­teln, das ande­re. Sie sind nicht nur Küchen­che­fin und Restau­rant­be­trei­be­rin, Sie gehö­ren als eine von weni­gen Frau­en zur illus­tren Rie­ge deut­scher Fern­seh­kö­che und waren zwei Jahr­zehn­te lang im ARD-Buf­fet zu sehen. Wie kam es dazu?
Evi rief an und frag­te, ob ich mir vor­stel­len kön­ne, bei der Sen­dung mit­zu­ma­chen. Ver­mut­lich war man auf uns auf­merk­sam gewor­den, weil wir etwa zwei Jah­re nach­dem wir das Gauß am Thea­ter eröff­net hat­ten, in den gan­zen Gour­met­füh­rern auf­tauch­ten. Viel­leicht lag es auch am A in Amir­fall­ah, durch das ich auf Lis­ten oft ziem­lich weit vorn ste­he. Da ich die Sen­dung ehr­lich gesagt damals selbst nicht kann­te, dach­te ich, dass mich da jemand auf den Arm neh­men woll­te. Doch eine Freun­din, die selbst Köchin war, riet mir, es ein­fach mal aus­zu­pro­bie­ren. Also fuhr ich zu einem Cas­ting nach Baden-Baden – die Sen­dung wur­de damals vom SWR pro­du­ziert.

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber: Wer war Evi?
Das weiß ich ehr­lich gesagt nicht mehr genau, sie gehör­te auf die Dau­er jeden­falls nicht zum Team der Sen­dung.

Und wie lief das Cas­ting?
Zwei Tage spä­ter wur­de ich ange­ru­fen: Wenn ich möch­te, wür­de für mich jetzt das ent­beh­rungs­rei­che Leben in einer Fern­seh­kü­che begin­nen.

Ent­beh­rungs­reich?
Das ist es natür­lich gar nicht. Im Gegen­teil. Vor einer Sen­dung denkt man sich ein Rezept aus, schreibt es auf und schwebt im Stu­dio ein, wo dann schon alles so bereit­steht, wie man es sich wünscht. In einer ech­ten Küche sieht das anders aus. Im Fern­seh­stu­dio gibt es auch nicht die­se wahn­sin­nig stres­si­ge Atmo­sphä­re, die in vie­len Küchen herrscht. Die Zei­ten, in denen man sich stän­dig anschrie, sind zwar wei­test­ge­hend vor­bei, aber es ist schon immer noch sehr viel Druck da. Über­haupt war das ARD-Buf­fet in den 23 Jah­ren, in denen ich dabei war, immer sehr pro­fes­sio­nell orga­ni­siert und auf das Kochen kon­zen­triert – kein Ver­gleich mit vie­len aktu­el­len „Kochtainment“-Shows, wo man sich in einer Tour lächer­lich macht.

Haben Sie erfah­ren, womit Sie beim Cas­ting über­zeugt haben?
Ich glau­be mit Small­talk. Mei­ne per­si­sche Prä­gung sorgt nicht nur für eine eiser­ne Höf­lich­keit, sie ermög­licht mir auch in prak­tisch jeder Situa­ti­on Small­talk zu betrei­ben. Egal, was man gera­de macht, man unter­hält sich dabei, das ist natür­lich eine gute Vor­aus­set­zung für eine Fern­seh­show.

Inzwi­schen gibt es zahl­rei­che Koch­sen­dun­gen. Haben die Ihren Beruf ver­än­dert?
Das ARD-Buf­fet haben an einem Abend bis zu 1,8 Mil­lio­nen Men­schen gese­hen. Das ist eine media­le Wir­kung, die dem Kochen einen spür­ba­ren Gla­mour-Fak­tor ver­lieh. Was wie­der­um den Köchen zu einem ganz ande­ren Selbst­be­wusst­sein ver­half. Wir sind aus der rei­nen Dienst­leis­tungs­ecke raus­ge­kom­men.

Sie haben den Druck erwähnt, der in vie­len Küchen herrscht. Aus Sicht eines Lai­en schei­nen Restau­rant­kü­chen in der Tat ziem­lich streng orga­ni­sier­te Orte zu sein.
Es gibt schon den Küchen­chef bzw. in mei­nem Fall die Küchen­che­fin. Das beginnt damit, dass sich ja jemand die Gerich­te aus­denkt, sich bestimm­te Ergeb­nis­se vor­stellt und dann ver­sucht, alle ande­ren dahin zu brin­gen. Anders als zu Hau­se ist in Restau­rant­kü­chen außer­dem jeder nur für einen Teil des Tel­lers zustän­dig. Es braucht jeman­den, der da den Takt angibt. Obwohl ich ver­su­che, mit mei­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern sehr auf Augen­hö­he umzu­ge­hen, kann es trotz­dem sehr stres­sig wer­den.

Braucht es über das Kochen hin­aus wei­te­re Fähig­kei­ten, um eine erfolg­rei­che Küchen­che­fin zu sein?
Da wären die Bereit­schaft zum Struk­tu­rie­ren, Füh­rungs­qua­li­tät und eine gewis­se Krea­ti­vi­tät. Um ein Team so zu moti­vie­ren und zu füh­ren, dass es ger­ne mit einem arbei­tet, braucht es aus mei­ner Sicht näm­lich zuerst eine Idee, was und wie man kochen will. Dass wir im Apex bei­spiels­wei­se so viel wie mög­lich regio­nal ein­kau­fen, ist natür­lich ein ziem­li­cher Arbeits­auf­wand, aber zugleich fußt dar­auf genau die­se Idee, die wir ver­wirk­li­chen wol­len.

Gehört auch der Kon­takt zu den Gäs­ten mit dazu?
Nicht zwangs­wei­se. Im Gauß bin ich schon oft zu den Gäs­ten an die Tische gegan­gen. Aber da wur­de das auch erwar­tet. Heu­te mache ich es nur noch, wenn ich wirk­lich Lust dazu habe, weil es mir eben auch Spaß macht, mei­ne Gäs­te zu tref­fen.

Sind Küchen gefähr­lich? Es gibt über­all Mes­ser und Hit­ze.
Sogar sehr gefähr­lich. Neben den Mes­sern gibt es ja noch vie­le gefähr­li­che Maschi­nen. Schon eine Auf­schnitt­ma­schi­ne – das ist eigent­lich eine Kreis­sä­ge. Es ist eng, es ist heiß. Da sind rie­si­ge Töp­fe mit kochen­den Flüs­sig­kei­ten. Man muss vor­sich­tig sein.

Haben Sie sich auch schon ein­mal ver­letzt?
Abge­se­hen von ein paar Schnit­ten nicht. Die gehö­ren dazu. Unter Köchen zei­gen wir uns die gern. So in der Rich­tung: Schau mal, hat gar nicht weh­ge­tan.

Apro­pos weh tun, es kommt mir so vor, als hät­ten Köche Hän­de aus Tef­lon.
Das ist tat­säch­lich so. Die Ner­ven in den Fin­ger­kup­pen zie­hen sich ein wenig zurück. Ich mer­ke das, wenn ich nach dem Urlaub wie­der zu arbei­ten begin­ne, da bin ich erst mal ein wenig hit­ze­emp­find­lich. Es gibt aber auch noch einen Trick. Man soll­te nie zu fest anfas­sen. Gera­de schwe­re Sachen wer­den schnell viel zu heiß, weil sie in die Hand rein­drü­cken. Das lässt sich bei­spiels­wei­se an einem hei­ßen Bröt­chen schnell aus­pro­bie­ren.

Abge­se­hen von der Gefahr – ist Kochen ein har­ter Beruf?
Man steht schon ewig auf den Füßen und han­tiert mit schwe­ren Sachen. Dazu kommt noch die Hit­ze am Herd. Für vie­le sind auch die Arbeits­zei­ten ein The­ma. Ich selbst war zwar schon immer eine Nacht­eu­le, aber ins­be­son­de­re für jun­ge Leu­te ist es hart, an fünf Aben­den in der Woche in der Küche zu ste­hen. Des­halb ver­su­che ich auch, mei­nen Mit­ar­bei­ten­den so gut es geht, frei­zu­ge­ben, wenn sie bei­spiels­wei­se auf eine Hoch­zeit oder einen run­den Geburts­tag wol­len. Es ist wich­tig, auch ein sozia­les Leben zu haben. Frü­her hat das nie­man­den inter­es­siert. Aber dann wird man nur ein­sam und unglück­lich. Es ist kein Geheim­nis, dass vie­le Köche zu viel Alko­hol trin­ken, um so etwas zu kom­pen­sie­ren.
Bei uns im Apex haben wir des­halb die Regel, dass in Arbeits­klei­dung kein Alko­hol getrun­ken wird. Ich habe ein­fach zu vie­le Kol­le­gen gese­hen, die da wirk­lich Pro­ble­me hat­ten.

Wie ist das Ver­hält­nis unter den Küchen­chefs? Schaut man da immer genau, was die ande­ren machen?
Also das hängt natür­lich stark von den Ein­zel­nen ab. Doch je bes­ser man kocht, des­to eher wird man auch aner­kannt. Hier in Göt­tin­gen gibt es über den Club der Köche jedoch ein gutes Ver­hält­nis. Wir ver­an­stal­ten bei­spiels­wei­se ein gemein­sa­mes Schlem­mer­me­nü, des­sen Ein­nah­men an die Jugend­för­de­rung gehen und seit zwei Jah­ren kochen wir für „Kei­ner soll ein­sam sein.“ Als ich frag­te, wer da mit­ma­chen wol­le, waren wir gleich zu siebt und so kom­men da jetzt 350 Essen zusam­men.

Haben Sie, was Köche angeht, so etwas wie ein Vor­bild?
Ja, bei­spiels­wei­se fand ich Mar­co Pierre White groß­ar­tig. Der war ein­fach Rock‘ n‘ Roll, einer der ers­ten jun­gen Drei-Ster­ne-Köche in Eng­land. Und dann mei­nen alten Chef Jean Clau­de Bour­gu­eil aus dem Schiff­chen in Düs­sel­dorf. Von ihm habe ich zwei Sachen gelernt. Ers­tens: Wirk­lich durch­zu­hal­ten, wenn es hart wird. Und Zwei­tens: Die Sachen, die man kocht, immer wie­der zu ver­bes­sern und zu ver­än­dern, immer wei­ter über sie nach­zu­den­ken.

Als Köchin mit einer gewis­sen Pro­mi­nenz ent­wi­ckelt man da auch so etwas wie ein Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl gegen­über Ernäh­rungs­the­men?
Also ich emp­fin­de es schon so, dass wir bei­spiels­wei­se alle weni­ger Fleisch essen soll­ten, weil die Tier­hal­tung einen gro­ßen Anteil an den Ursa­chen des Kli­ma­wan­dels hat. Und das set­zen wir auf der Spei­se­kar­te des Apex des­halb bewusst um. Auch unser Anspruch an regio­na­le und sai­so­na­le Zuta­ten kommt aus die­ser Rich­tung.

Was den­ken Sie über Koch­re­zep­te, lässt sich damit gut kochen?
Von Rezep­ten muss man sich lösen. Die dür­fen Inspi­ra­ti­on sein, oft sind sie sogar eine rich­tig gute Inspi­ra­ti­on. Aber sich zu sehr an sie zu hal­ten, hemmt die Freu­de am Kochen. Aus mei­ner Sicht soll­te man sich so ein Rezept zwei Mal durch­le­sen, um zu ver­ste­hen, wor­um es geht, wie es sein soll, und dann ein­fach los­le­gen. Was man genau wann in den Topf wirft, dar­aus erge­ben sich am Ende nur mini­ma­le Unter­schie­de. Der Weg vom Kochen, über gutes und sehr gutes Kochen bis zum fan­tas­ti­schen Kochen führt aus mei­ner Sicht über eine gan­ze Rei­he von Klei­nig­kei­ten, Tipps und Tricks. Es gibt nicht die­sen einen gro­ßen Wurf. Der ein­zig gro­ße Wurf ist, dass man sich ver­nünf­ti­ge Zuta­ten kauft, denn ohne gute Pro­duk­te geht es nicht. Der Unter­schied zwi­schen irgend­wel­chen fer­ti­gen Zwie­bel­wür­feln und einer ver­nünf­ti­gen Zwie­bel ist gewal­tig. Man bemerkt die­se Klei­nig­kei­ten. Die machen den Unter­schied.

Ulrich Drees, Jac­que­line Amir­fall­ah

Jac­que­line Amir­fall­ah
Jac­que­line Amir­fall­ah (Jg. 1960) wur­de in Göt­tin­gen gebo­ren, wuchs im Iran auf und kehr­te 1980 nach Göt­tin­gen zurück, wo sie Sozio­lo­gie stu­dier­te und ihren heu­ti­gen Ehe­mann ken­nen­lern­te. Im Anschluss erfolg­te eine Aus­bil­dung zur Köchin im Restau­rant Mus­kat, dann arbei­te­te sie als Köchin im „Hel­lers Krug“ in Holz­min­den und im Restau­rant „Im Schiff­chen“ in Düs­sel­dorf-Kai­sers­werth. 1998 eröff­ne­te sie das Restau­rant „Gauß – Restau­rant am Thea­ter“, das sie bis Ende 2017 als Küchen­che­fin lei­te­te. 2011 über­nahm sie das Bis­tro Apex in Göt­tin­gen. Ab 2002 koch­te Jac­que­line Amir­fall­ah außer­dem regel­mä­ßig in der täg­li­chen Fern­seh­sen­dung ARD-Buf­fet, die 2024 ein­ge­stellt wur­de.

Aus­wärts essen?
„Ich gehe super ger­ne essen“, erzählt Jac­que­line Amir­fall­ah. „Wenn wir uns mal eine Aus­zeit neh­men wol­len, fah­ren mein Mann und ich gern über ein lan­ges Wochen­en­de weg, ger­ne in eine Wein­re­gi­on. Beson­ders gern bei­spiels­wei­se in die Pfalz. Die ist nicht nur schön, ich esse dort auch gern einen Pfäl­zer Tel­ler, mit Sau­ma­gen, Brat­wurst, Leber­knö­del, Sau­er­kraut und allem, was dazu gehört. Ich mag die­se Phi­lo­so­phie, das gan­ze Tier zu ver­wen­den.“

Und zu Hau­se?
Für Jac­que­line Amir­fall­ah ist es ganz selbst­ver­ständ­lich, dass sie auch zu Hau­se kocht. Zusam­men mit ihrem Mann lädt sie bei­spiels­wei­se Gäs­te ein und freut sich, mit sie­ben bis acht Freun­den am Tisch zu sit­zen. Ihren Beruf sieht man ihrer Küche dabei durch­aus an. Schrän­ke für Töp­fe und Pfan­nen feh­len gänz­lich, die sind statt­des­sen auf einem Metall­ho­cker gesta­pelt, von dem sie direkt her­un­ter­ge­nom­men wer­den kön­nen.

Das Bes­te des Tages
Unser Besuch in der Stadt­bi­blio­thek fand an einem ganz nor­ma­len Don­ners­tag­nach­mit­tag im Novem­ber statt. Was war das Bes­te, das Jac­que­line Amir­fall­ah bis dahin erlebt hat­te? „Mein Mann hat mir einen Kaf­fee ans Bett gebracht“, lau­tet die Ant­wort. „Das nen­ne ich einen guten Mann.“