Dr. Bastian Claaßen, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalyse – Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Asklepios Fachklinikums Tiefenbrunn
Als Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Asklepios Fachklinikums Tiefenbrunn unterstützt Dr. Bastian Claaßen zusammen mit seinem Team immer wieder von Schulängsten betroffene Kinder und Jugendliche.
Interview & Foto: Ulrich Drees
Herr Claaßen, welche Rolle spielen Schulängste und Schulabsentismus für Ihre Arbeit?
Da ca. fünf bis zehn Prozent aller Schüler:innen davon betroffen sind, erleben wir das relativ häufig, vor allem, wenn es um Schulängste und -vermeidung geht. Schulabsentismus, wenn Kinder oder Jugendliche gar nicht mehr zur Schule gehen, ist dabei die stärkste Ausprägung. Besonders häufig sind Kinder und Jugendliche von diesen Themen während sogenannter Schwellensituationen betroffen: der Einschulung, dem Wechsel zur weiterführenden Schule und dem Beginn der Pubertät.
In unserer Ambulanz erleben wir dann diejenigen, bei denen eher ein erstes Straucheln sichtbar wird. Eine stationäre Behandlung bieten wir denjenigen an, für die zwei bis drei Monate kein Schulbesuch mehr möglich war. Im Extremfall kann es auch sein, dass jemand seit drei bis vier Jahren nicht mehr in der Schule war. Häufig geben Schulsozialarbeiter:innen einen ersten Hinweis, die Anmeldung erfolgt dann durch die Eltern, manche Jugendliche kommen aber auch allein. Wenn Betroffene in Wohngemeinschaften der stationären Jugendhilfe leben, kann die Anmeldung auch über diese erfolgen.
Wie geht es dann weiter?
Angesichts der vielen unterschiedlichen Formen von Schulängsten führen wir zunächst eine individuelle Diagnostik durch. Aufgenommene Kinder gehen dann in die Rosenvilla und Jugendliche ins Waldhaus, wo wir mit einer ausführlichen psychodynamischen Diagnostik fortfahren. Ziel ist es, die Ängste einzuordnen und ihre Ursache zu ermitteln. Es gibt sozialphobische Ängste, etwa vor Beschämung, Leistungsängste oder Mischungen aus Depression und sozialer Phobie. Trennungsängste spielen ebenso eine Rolle wie familiäre Schwierigkeiten oder reale Bedrohungen und Mobbingerfahrungen in der Schule. Als Nächstes erstellen wir einen Behandlungsplan, der auf das zugeschnitten ist, was die Betroffenen gerade brauchen.
Was folgt im nächsten Schritt?
In einer ersten Phase arbeiten wir an einem grundlegenden Sicherheitsgefühl als Voraussetzung für die weitere Entwicklung. Außerdem geht es um die Integration in die Gleichaltrigengruppe. Weil viele Betroffene das lange nicht mehr erlebt haben, nehmen wir uns hier bewusst Zeit und begleiten das sehr eng. Parallel beginnen wir einzeln oder in Kleingruppen mit schulischem Unterricht durch von öffentlichen Schulen abgeordnete Lehrkräfte und gehen den vorliegenden Ängsten diagnostisch auf den Grund.
In der zweiten Phase behandeln wir dann die Ursachen dieser Ängste und arbeiten am Aufbau eines Selbstwertgefühls. Das beginnt mit Einzeltherapie dreimal pro Woche und mündet in unseren verschiedenen Gruppentherapieangeboten. Dabei sind der Austausch zwischen den Gleichaltrigen und das Erleben gegenseitiger Unterstützung in der Peergroup von größter Bedeutung. Wenn Angstpatient:innen sich trauen, sich in der Gruppe zu äußern, ist das hochwirksam.
Sind Ängste und Depressionen dann weniger geworden, probieren wir in der dritten Phase die Therapieerfolge im Draußen aus, beispielsweise in Form von Praktika in verschiedenen Firmen. Begleitend zu all dem binden wir auch Eltern, Freund:innen, Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter:innen je nach Bedarf in die Entwicklung ein. Das Ziel ist dabei stets eine Reintegration in die Schule als Wiedereinstieg in die reale Welt.
Behandlungsplätze
Neben der Institutsambulanz gehören zur Abteilung von Dr. Claaßen 15 Behandlungsplätze für Kinder von 10–15 Jahren in der „Rosenvilla“ und 23 Behandlungsplätze für Jugendliche von 15–18 Jahren (in Ausnahmefällen bis 21 Jahren) im „Waldhaus“.
Langzeitfolgen
Bei der Diskussion über die Langzeitfolgen von Schulabsentismus wird neben dem Fehlen von Schulabschlüssen aus Sicht von Dr. Bastian Claaßen häufig unterschätzt, was das Fehlen von Kontakten zu Gleichaltrigen für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bedeutet. „Hier geht es um Entwicklungsschritte“, erläutert der Chefarzt, „die im Jugendalter gemacht werden müssen, spätestens wenn es um die Ablösung vom Elternhaus geht. Wir stellen immer wieder fest, dass Jugendliche, die längere Zeit nicht in der Schule waren, hier einen hohen Nachholbedarf haben und wie sehr sie von der Integration in Gleichaltrigengruppen profitieren. Es ist toll zu sehen, welche Fortschritte sich daraus ergeben, wenn es darum geht, wieder ins Leben reinzukommen.“
Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn
Kinder- und Jugendpsychiatrie
und -psychotherapie
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