Bei einem Besuch im Forum Wis­sen sprach die Geschäfts­füh­re­rin der GOe FUTURE Manage­ment GmbH mit dem Cha­rak­ter-Chef­re­dak­teur Ulrich Drees über Start­up-Kul­tur, See­len­bal­sam und dar­über, was Hand­pup­pen mit schö­nen Woh­nun­gen zu tun haben.

Inter­view: Ulrich Drees | Fotos: Ste­phan Beu­er­mann

Frau Zeisberg, mögen Sie uns ein wenig von sich erzäh­len?
Gebür­tig stam­me ich aus Regens­burg in Bay­ern, von wo aus ich nach dem Abitur zum Medi­zin­stu­di­um nach Ham­burg wech­sel­te. Vor 35 Jah­ren habe ich dort gleich im ers­ten Semes­ter auch mei­nen heu­ti­gen Mann ken­nen­ge­lernt. Im Ver­lauf mei­nes Stu­di­ums haben wir dann an ver­schie­de­nen Orten wie Würz­burg, Bos­ton in den USA und auch Göt­tin­gen gelebt, wo ich als jun­ge Ärz­tin an der Kli­nik für Kar­dio­lo­gie und Pneu­mo­lo­gie anfing.
Eben­so wie mein Mann war ich dabei von Beginn an auch wis­sen­schaft­lich tätig. Als sich 2003 dann die Mög­lich­keit bot, für ein Jahr an die Har­vard Medi­cal School nach Bos­ton zu wech­seln, haben wir sie natür­lich genutzt. Aus dem einen Jahr wur­den aller­dings acht. Auch unse­re ers­ten drei Kin­der kamen in Bos­ton zur Welt. Sowohl was mei­ne beruf­li­chen Inter­es­sen als auch was mei­ne per­sön­li­che Ent­wick­lung anging, war das eine prä­gen­de Zeit. Da wir bei­de zuletzt in Facul­ty-Posi­tio­nen arbei­te­ten, gab es sogar die Per­spek­ti­ve, für immer in den USA zu blei­ben. 2010 haben wir uns jedoch ent­schie­den, wie­der nach Deutsch­land zurück­zu­keh­ren, und sind dann wie­der nach Göt­tin­gen gekom­men.
Seit 2011 for­sche ich nun an der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Göt­tin­gen und lei­te eine Arbeits­grup­pe zum The­ma Herz- und Organ­fi­bro­se, die sich ver­ein­facht aus­ge­drückt mit den Ursa­chen für Ver­nar­bun­gen des Bin­de­ge­we­bes beschäf­tigt, die zu Funk­ti­ons­stö­run­gen von Orga­nen füh­ren kön­nen.
Vor drei Jah­ren haben wir dar­über hin­aus die Avo­cet Bio GmbH gegrün­det, ein Bio­tech-Start­up, das sich vor­wie­gend mit der Ent­wick­lung anti­vi­ra­ler Medi­ka­men­te befasst. Als die Uni­ver­si­täts­me­di­zin Göt­tin­gen dann ein Deka­nat für Trans­fer initi­ier­te, wur­de ich zu des­sen Deka­nin gewählt. Was wie­der­um dazu führ­te, dass ich den Göt­tin­ger Bei­trag „GOe FUTURE“ zum bun­des­wei­ten Leucht­turm­wett­be­werb „Start­up Fac­to­ries“ feder­füh­rend beglei­tet habe.

Und das sehr erfolg­reich. Im ver­gan­ge­nen Jahr fiel die Ent­schei­dung, dass Nie­der­sach­sen mit GOe FUTURE eine die­ser Start­up-Fac­to­ries bekom­men wird. Sie haben nun deren Geschäfts­füh­rung über­nom­men. Wor­um geht es genau?
Wir wol­len ein Grün­dungs­öko­sys­tem schaf­fen, das wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se der roten und grü­nen Life Sci­en­ces und der Medi­zin­tech­nik in trans­for­ma­ti­ve Inno­va­tio­nen umwan­delt.

In den USA, wo Sie lan­ge geforscht haben, gibt es eine sehr viel aus­ge­präg­te­re Grün­dungs­kul­tur als in Deutsch­land. Pro­fi­tie­ren Sie als Deka­nin des Trans­fer­be­reichs und als GOe FUTURE-Geschäfts­füh­re­rin von Ihren dor­ti­gen Erfah­run­gen?
Die haben mich sogar maß­geb­lich auf die­se Auf­ga­be vor­be­rei­tet. Mein Inter­es­se an Wirt­schaft war aller­dings schon davor vor­han­den. Bei­spiels­wei­se habe ich schon als jun­ge Ärz­tin ein Unter­neh­men gegrün­det, über das ich eini­ge Jah­re lang kali­for­ni­sche Hand­pup­pen ver­kauft habe.

Wie kam es dazu?
Ich hat­te eine ent­fern­te Ver­wand­te aus den USA – eigent­lich eine Apo­the­ke­rin –, die die­se Pup­pen ver­kauf­te, die Tie­re und Per­so­nen dar­stell­ten. Ich half ihr ein­mal bei einem Psy­cho­lo­gie­sym­po­si­um in Ham­burg, wo sie an vier Tagen so viel ver­dien­te wie ein Arzt im Prak­ti­kum im gan­zen Jahr. Als ich gera­de nach Göt­tin­gen gezo­gen war und eine schö­ne, aber eigent­lich zu gro­ße Drei-Zim­mer-Woh­nung finan­zie­ren muss­te, woll­te sie dann in die USA zurück­keh­ren. Da habe ich beschlos­sen, eines der drei Zim­mer zu nut­zen, um die­se Figu­ren selbst zu ver­kau­fen und mir so die Woh­nung zu finan­zie­ren.

Trotz die­ser Affi­ni­tät zum Unter­neh­mer­tum ist Ihre Lauf­bahn maß­geb­lich von Ihrer Arbeit in der For­schung geprägt. Wann haben Sie sich für die­sen Schwer­punkt ent­schie­den und bei­spiels­wei­se nicht eine Arzt­pra­xis eröff­net?
Für mich gehör­ten Pati­en­ten­ver­sor­gung und wis­sen­schaft­li­ches Arbei­ten immer zusam­men. Als ich mei­ne Dok­tor­ar­beit im Bereich der Häma­to­lo­gie schrieb, sah ich jedoch, dass es hier nicht aus­rei­chen­de The­ra­pien für alle Pati­en­ten gab. Da kamen dann mein ärzt­li­ches Ethos und mei­ne wis­sen­schaft­li­che Neu­gier zusam­men: Ich woll­te her­aus­fin­den, wie man den Pati­en­ten bes­ser hel­fen könn­te.

Wie kommt man zu dem Gebiet, in dem man dann forscht?
Manch­mal ver­folgt man sehr bewusst ein Ziel, manch­mal spie­len aber auch Zufäl­le eine Rol­le: Man fin­det einen Men­tor, der einen för­dert, oder sieht über­ra­schen­de Daten. Auch uner­war­te­te Labor­er­geb­nis­se kön­nen einen in eine bestimm­te Rich­tung len­ken.

Gab es sol­che Zufäl­le bei Ihnen?
In gewis­ser Wei­se. Als ich 2003 nach Bos­ton ging, hat­te ich ein Ange­bot von einem ange­se­he­nen kar­dio­lo­gi­schen For­schungs­la­bor und eines aus der Indus­trie. Nach­dem der Har­vard-Pro­fes­sor, der die Ein­rich­tung lei­te­te, mir jedoch eine zwei­sei­ti­ge E-Mail geschrie­ben hat­te, war­um ich für ihn und nicht für die Indus­trie arbei­ten soll­te, ent­schied ich mich für das Labor. Einen Monat nach­dem ich dort ange­fan­gen hat­te, eröff­ne­te uns der­sel­be Pro­fes­sor aller­dings, dass er das Labor ver­las­sen wer­de, um einen der ganz gro­ßen Pos­ten in der Phar­ma­in­dus­trie zu beset­zen. Das war damals schon ein Ein­schnitt, bei dem ich mich frag­te, wie es nun für mich wei­ter­ge­hen soll­te.
Glück­li­cher­wei­se konn­te ich zum ers­ten Zen­trum für extra­zel­lu­lä­re Matrix wech­seln, das der dama­li­ge Chef mei­nes Man­nes in Bos­ton lei­te­te. Er war einer der Ers­ten, der die­se Matrix – also die Berei­che zwi­schen den Zel­len – erforsch­te, denn er hat­te ihre Bedeu­tung für alle Orga­ne erkannt und damit auch für die Kar­dio­lo­gie, die sich damals noch ganz auf die Herz­mus­kel­zel­len selbst kon­zen­trier­te.
Ein wei­te­rer Zufall bestärk­te mich dann in mei­nem heu­ti­gen Fach­ge­biet. Durch ein über­ra­schen­des Labor­er­geb­nis sah ich näm­lich, dass sich die Zel­len, die Blut­ge­fä­ße von innen aus­klei­den, die soge­nann­ten Endo­thel­zel­len, in Fibro­blas­ten umwan­deln kön­nen. Und die­se kön­nen die Ver­nar­bun­gen her­vor­ru­fen, die zu Fibro­se-Erkran­kun­gen bei­tra­gen. Das war zu die­sem Zeit­punkt noch nie zuvor beschrie­ben wor­den. Ein ganz neu­er Mecha­nis­mus.

Ist solch eine Ent­de­ckung ein Garant für eine wis­sen­schaft­li­che Kar­rie­re?
Zunächst muss­te ich ler­nen, wie schwie­rig es ist, ein sol­ches ganz neu­es Kon­zept zu publi­zie­ren und zu ver­brei­ten. Als jun­ge Wis­sen­schaft­le­rin, die aus Sicht der eta­blier­ten Wis­sen­schaft­ler in ihrem Leben noch nichts geleis­tet hat­te und nun plötz­lich etwas völ­lig Neu­es vor­stell­te, begeg­ne­te man mir und mei­nen Ergeb­nis­sen mit gro­ßer Skep­sis. Es dau­er­te lan­ge, bis ich aner­kannt wur­de. Doch heu­te – zwan­zig Jah­re spä­ter – ist aus unse­ren Ergeb­nis­sen ein eta­blier­tes For­schungs­feld ent­stan­den.

Wel­che Rol­le spie­len ange­sichts Ihrer Erleb­nis­se per­sön­li­che Kon­tak­te in der Wis­sen­schaft?
Die per­sön­li­che Ebe­ne ist auf jeden Fall wich­tig. Gera­de zu Beginn braucht es Für­spre­cher. Die hat­te ich auch immer an der UMG. Außer­dem spie­len inter­na­tio­na­le Netz­wer­ke eine gro­ße Rol­le. Doch es hat mir immer sehr gefal­len, auf die­ser Ebe­ne Über­zeu­gungs­ar­beit zu leis­ten. Denn erst, wenn sich vie­le inter­na­tio­na­le Kol­le­gen mit unse­ren Ideen aus­ein­an­der­set­zen, stellt sich ja her­aus, ob wir rich­tig lagen oder uns getäuscht haben.

Es scheint auch ein sehr spe­zi­el­les Ver­hält­nis zwi­schen der Indus­trie und der Wis­sen­schaft zu geben?
Das ist über­all ein wenig anders. Gera­de bei uns in Deutsch­land gibt es in der Wis­sen­schaft durch­aus Vor­be­hal­te gegen­über der Indus­trie – frü­her viel­leicht noch mehr als heu­te. Bei­spiels­wei­se ist da die­se Vor­stel­lung, dass die wirk­lich klu­gen Köp­fe qua­si auto­ma­tisch in der Wis­sen­schaft blei­ben. Dass das nicht zutrifft, habe ich in den USA schnell gelernt.

Wir­ken sich die­se Vor­ur­tei­le gegen­über der Indus­trie hier­zu­lan­de auch auf das The­ma Grün­dungs­kul­tur aus?
Dass die Start­up-Kul­tur bei uns weni­ger aus­ge­prägt ist als bei­spiels­wei­se in den USA, hat aus mei­ner Sicht unter­schied­li­che Grün­de. Wäh­rend bei uns ein Schei­tern inak­zep­ta­bel ist, steht man in den USA danach ein­fach wie­der auf und beginnt das nächs­te Pro­jekt, solan­ge bis eines klappt. Hin­zu kommt, dass in Deutsch­land viel weni­ger Ven­ture Capi­tal ver­füg­bar ist, um eine Idee bis zur Markt­ein­füh­rung zu ent­wi­ckeln, weil hier eher das Risi­ko als die Chan­ce gese­hen wird. Auch die Form unse­res Aus­bil­dungs­sys­tems spielt eine Rol­le. In den fast zehn Jah­ren in Bos­ton habe ich an der Uni­ver­si­tät nahe­zu nie­man­den ken­nen­ge­lernt, der nicht ent­we­der selbst schon mal ein Start­up gegrün­det oder in den Sand gesetzt hat­te oder mit Grün­de­rin­nen und Grün­dern zu tun hat­te. Das war ganz nor­mal.

Aktu­ell wird in den USA die Frei­heit der Wis­sen­schaft ja aktiv ein­ge­schränkt. Kann Euro­pa bzw. Deutsch­land mög­li­cher­wei­se davon pro­fi­tie­ren, dass Wis­sen­schaft­ler, die sich in ihrer For­schung behin­dert sehen, künf­tig an hie­si­gen Uni­ver­si­tä­ten oder Ein­rich­tun­gen arbei­ten wol­len?
Mein Ein­druck ist, dass die wirk­li­chen Spit­zen­wis­sen­schaft­ler in den USA die Ent­wick­lung über sich erge­hen las­sen und hof­fen, dass es sich um eine tem­po­rä­re Ange­le­gen­heit han­delt. Gleich­wohl hören wir von unse­ren zahl­rei­chen Freun­den dort täg­lich neue Hor­ror­ge­schich­ten. Bei­spiels­wei­se durf­te man ein Wei­le in Anträ­gen oder Publi­ka­tio­nen das Wort „trans“ nicht mehr ver­wen­den. Für mich als Deka­nin für Trans­fer ist das schon mal schlecht. Aber bei­spiels­wei­se sind auch die bis­her ver­brei­te­ten Stu­di­en mit trans­ge­nen Mäu­sen nicht mehr mög­lich. Manch­mal den­ke ich, das ist zu skur­ril, als dass es wirk­lich pas­sie­ren kann. Doch ich bin nicht sicher, dass es zu einer nach­hal­ti­gen Abwan­de­rung der dor­ti­gen Wis­sen­schaft­ler führt.

Die For­schungs­grup­pe, Ihr Start­up, das Deka­nat, GOe FUTURE und nicht zu ver­ges­sen: Sie sind auch ver­hei­ra­tet, Mut­ter von vier Kin­dern und haben einen Zwerg­da­ckel namens Pep­po – brau­chen Sie die Her­aus­for­de­rung?
Da kommt zwar viel zusam­men, aber das sind alles Sachen, die ich gern mache. Allen vor­an lie­be ich natür­lich die Zeit mit mei­ner Fami­lie. Das Deka­nat und GOe FUTURE zu über­neh­men, hat vor allem damit zu tun, dass ich es sehr mag, wis­sen­schaft­li­che Exzel­lenz mit unter­neh­me­ri­schem Den­ken so zu ver­bin­den, dass Pati­en­ten davon pro­fi­tie­ren.
Die­ser Ansatz ist nicht neu, son­dern geht hier in der Regi­on ins­be­son­de­re auf die gemein­sa­me Visi­on von Joa­chim Kreuz­burg, dem ehe­ma­li­gen CEO von Sar­to­ri­us, und des Dekans der UMG Wolf­gang Brück zurück. Sie haben die Live Sci­ence Val­ley GmbH als gemein­sa­me Toch­ter­ge­sell­schaft von Sar­to­ri­us und UMG gegrün­det, um die­se Visi­on umzu­set­zen. Und ich freue mich dar­über, dass mir die Geschäfts­füh­rung anver­traut wur­de.
Dar­über hin­aus geht es dabei ja zugleich dar­um, dass Göt­tin­gen und die Regi­on, in der ich nun schon lan­ge lebe und in der ich mich sehr ver­an­kert füh­le, davon pro­fi­tie­ren sol­len. Ich habe manch­mal das Gefühl, dass wir noch nicht alles aus unse­ren vor­han­de­nen Stär­ken her­aus­ho­len. Und jetzt habe ich das Gefühl, an einem Punkt zu sein, an dem ich hier spür­bar Wir­kung zei­gen kann.

Es scheint manch­mal wirk­lich so, als wür­de sich Süd­nie­der­sach­sen immer noch schwer tun, sein lan­ge gepfleg­tes „Kirch­turm­den­ken“ abzu­le­gen. Wie sehen Sie das?
Die Regi­on hin­ter einem gemein­sa­men Ziel zu ver­ei­nen, betrach­te ich als eine unse­rer wich­tigs­ten Auf­ga­ben. Bei zahl­rei­chen Besu­chen wäh­rend der Wett­be­werbs­pha­se habe ich sehr schnell erfah­ren, wie gut hier vie­les zusam­men­pas­sen wür­de, wenn es zu einer Zusam­men­ar­beit käme. Wenn in Braun­schweig geforscht wird, wie Medi­ka­men­te güns­tig her­ge­stellt wer­den kön­nen, in Göt­tin­gen und Han­no­ver neue Medi­ka­men­te erforscht wer­den und es ein Pri­ma­ten­zen­trum gibt, das die Regu­la­ri­en zur Über­prü­fung der Sicher­heit eines Medi­ka­ments erfüllt – dann bedeu­tet das doch: Wir haben von Anfang bis Ende alles, was es braucht, um ein neu­es Medi­ka­ment zu ent­wi­ckeln und damit zum Bei­spiel Kres­bs-, Alz­hei­mer-, Herz- oder Nie­ren­er­kran­kun­gen zu hei­len.
Mei­ne Glaub­wür­dig­keit als Wis­sen­schaft­le­rin hilft mir bei die­sem Pro­zess. Ich weiß, wovon ich spre­che. Genau­so wie ich als Grün­de­rin weiß, wo der Schuh drückt. Des­halb hof­fe ich, dass ich die bei­den Berei­che von den Vor­tei­len einer Zusam­men­ar­beit über­zeu­gen kann. Und war­um nicht? Ich habe in den Lebens­wis­sen­schaf­ten noch kei­nen Grün­der erlebt, der nicht vor­ran­gig davon ange­trie­ben wur­de, wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nis­se zum Wohl der Pati­en­ten ver­füg­bar zu machen. Das­sel­be treibt doch auch die Wis­sen­schaft an.
Gelingt es uns, die aka­de­mi­schen Ein­rich­tun­gen – die das in der Ver­gan­gen­heit nie als eine ihrer Auf­ga­ben gese­hen haben – von einer Zusam­men­ar­beit mit der Wirt­schaft zu über­zeu­gen, wird unse­re Regi­on davon ganz direkt wirt­schaft­lich pro­fi­tie­ren. Es wird allen bes­ser gehen.

Dazu braucht es auch Fach­kräf­te. Ist die Regi­on attrak­tiv genug, um die­se anzu­zie­hen?
Mei­ner Erfah­rung nach wer­den Fach­kräf­te von Inhal­ten ange­zo­gen. Sie gehen dort­hin, wo span­nen­de Sachen pas­sie­ren und man am Cut­ting Edge einer Inno­va­ti­on arbei­tet. In unse­rem Start­up Avo­cet Bio arbei­ten Mit­ar­bei­ter aus sie­ben ver­schie­de­nen Län­dern – das sind Top-Leu­te. Eini­ge davon hat­ten zuvor gute Stel­len in Frank­furt und Mün­chen. Wenn sie die Chan­ce haben, an etwas Neu­em mit­zu­ar­bei­ten, kom­men sie dafür auch nach Göt­tin­gen.

Bei GOe FUTURE geht es um erheb­li­che finan­zi­el­le Mit­tel, die jetzt Wir­kung erzie­len sol­len. Was steht da aktu­ell auf Ihrer Agen­da?
Ehr­lich gesagt sind das gera­de ganz bana­le Din­ge. Als die För­de­rung für GOe FUTURE am 1. Janu­ar begann, bestand das Pro­jekt aus mir und einer Mit­ar­bei­te­rin. Wir muss­ten zuerst ein­mal Stel­len aus­schrei­ben und eine Geschäfts­adres­se suchen, die wir dann ges­tern (Anm. d. Redak­ti­on: 4. Febru­ar) im Max-Planck-Insti­tut gegen­über der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Göt­tin­gen bezie­hen konn­ten. Im Anschluss an unser Gespräch muss ich zum Notar und die Adres­se ändern. Das Post­sys­tem, die Buch­hal­tung und das Per­so­nal­we­sen müs­sen ein­ge­rich­tet und recht­li­che Aspek­te geklärt wer­den. So etwas prägt gera­de mei­nen All­tag.
Gleich­zei­tig haben die Betei­lig­ten jetzt natür­lich die Erwar­tung, dass wir direkt los­le­gen. Doch ich brau­che jetzt gera­de erst ein­mal die Mit­ar­bei­ter, um über­haupt arbei­ten zu kön­nen. Wir haben einen Plan, wo wir hin­wol­len und wie wir dahin kom­men. Nichts­des­to­trotz ver­su­che ich gleich­zei­tig wei­ter nach außen hin zu erklä­ren, wo wir im Moment ste­hen und dass es eben noch ein wenig dau­ert, bevor wir da ankom­men.

Es ist spür­bar, dass Sie sich all die­sen „bana­len“ Details mit der­sel­ben Lei­den­schaft wid­men, mit der Sie auch den Wett­be­werb vor­an­ge­trie­ben haben.
Ich glau­be, dass es nur so funk­tio­niert. Wobei ich sehr von dem Netz­werk pro­fi­tie­re, das mein Mann und ich in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren hier in Göt­tin­gen auf­bau­en konn­ten. Das beginnt beim Notar, der uns dazwi­schen­schiebt, statt uns einen Ter­min in einem Monat zu geben, und reicht über die Steu­er­kanz­lei, die uns berät, bis zur Bank, zur Poli­tik und vie­len ande­ren Insti­tu­tio­nen und Men­schen. Ich bin froh, wirk­lich sehr vie­le Han­dy­num­mern zu haben und zu wis­sen, dass die Leu­te auch ran­ge­hen. Bei­spiels­wei­se gab es bei der GOe FUTURE-Bewer­bung ein­mal einen über­ra­schen­den, aber ent­schei­den­den Ter­min, um Mit­glie­der der Jury von unse­rem Poten­zi­al über­zeu­gen zu kön­nen. Da konn­te ich mich ein­fach bei einem unse­rer Nobel­preis­trä­ger mel­den und sagen: Du, ich brau­che dich mor­gen. Und er hat sich sofort von Flo­ri­da aus zu einem Zoom dazu­ge­schal­tet. Genau­so wie ein jun­ger Grün­der, der mein­te, er habe kei­nen Baby­sit­ter. Ich sag­te: Besorg dir bit­te einen, ich brau­che dich hier für zwei Stun­den. Und er war dabei.

Ange­sichts der Grö­ße des Pro­jekts und der über­sicht­li­chen Aus­gangs­in­fra­struk­tur, die Sie beschrie­ben haben, brauch­te es Mut, die GOe FUTURE-Geschäfts­füh­rung zu über­neh­men?
Um Mut ging es vor allem in der Woche, in der ich mich ent­schei­den muss­te. Das Pro­jekt durch den Wett­be­werb zu beglei­ten, ent­wi­ckel­te sich eher Schritt für Schritt. Es jedoch dau­er­haft zu über­neh­men, war ein gro­ßer, aber auch natür­li­cher Schritt. Selbst­ver­ständ­lich habe ich dabei auch mei­ne Fami­lie ein­be­zo­gen, denn mir war klar: Wenn ich das jetzt mache, wird das Aus­wir­kun­gen für uns alle haben. Glück­li­cher­wei­se ist mein Mann so etwas wie ein Sech­ser im Lot­to. Wir haben uns schon immer gegen­sei­tig unter­stützt und er gab mir sofort den nöti­gen Rück­halt – auch weil er sah, wie viel Spaß mir die­se Auf­ga­be macht und was ich jetzt alles bewe­gen kann.
Natür­lich habe ich mich aber auch schon wäh­rend des Wett­be­werbs ein­mal gefragt: War­um mache ich das jetzt? Das war ja eine unent­gelt­li­che Zusatz­tä­tig­keit, für die im Pri­vat­le­ben so man­ches ande­re auf der Stre­cke blieb. Doch irgend­wann wur­de mir die­ses War­um bewusst: Ich erle­be so vie­le jun­ge Grün­der und gleich­zei­tig pri­va­te Geld­ge­ber, die selbst oft schon Enor­mes geleis­tet haben und sich dann vom Opti­mis­mus die­ser Grün­der anste­cken las­sen. Sie alle eint die­ser Taten­drang, die Pro­ble­me unse­rer Zeit zu lösen. Mit sol­chen Men­schen zusam­men­zu­tref­fen, ist wirk­lich Bal­sam für die See­le – ganz beson­ders ange­sichts all der Kri­sen, die uns heu­te beschäf­ti­gen. Für die­ses War­um lohnt es sich.

Eli­sa­beth Zeisberg, Ulrich Drees

Prof. Dr. Eli­sa­beth Zeisberg 
Prof. Dr. Eli­sa­beth Zeisberg ist Pro­fes­so­rin für Kar­dio­lo­gie und Pneu­mo­lo­gie an der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Göt­tin­gen. Sie wur­de 1971 in Regens­burg gebo­ren, stu­dier­te Medi­zin in Ham­burg, Würz­burg, Göt­tin­gen und Bos­ton und pro­mo­vier­te in Göt­tin­gen. Seit vie­len Jah­ren lei­tet sie eine For­schungs­grup­pe, die sich mit mole­ku­la­ren Mecha­nis­men von Herz- und Gefäß­er­kran­kun­gen beschäf­tigt, ins­be­son­de­re mit Herz­fi­bro­se und dem endo­the­li­al-mesen­chy­ma­len Über­gang. Teil ihrer wis­sen­schaft­li­chen Lauf­bahn war ein mehr­jäh­ri­ger For­schungs­auf­ent­halt als Post­doc und Team­lei­te­rin als „Juni­or Facul­ty“ am Beth Isra­el Dea­co­ness Medi­cal Cen­ter / Har­vard Medi­cal School. Zusätz­lich enga­giert sie sich in der Ent­wick­lung neu­ar­ti­ger anti­vi­ra­ler The­ra­pien: Sie ist Mit­grün­de­rin und Lei­te­rin des Bio­tech-Start-ups Avo­cet Bio, das auf schnel­le The­ra­pie­an­sät­ze für RNA-Virus­in­fek­tio­nen zielt. Dar­über hin­aus arbei­tet Prof. Zeisberg als Deka­nin für Trans­fer der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Göt­tin­gen sowie als Geschäfts­füh­re­rin der Life Sci­ence Val­ley GmbH, der GOe FUTURE Manage­ment GmbH und der GOe FUTURE gGmbH.

Start­up Fac­to­ries
Der vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Kli­ma­schutz (BMWK) initi­ier­te EXIST-Leucht­turm­wett­be­werb „Start­up Fac­to­ries“ för­dert den Auf­bau von zehn exzel­len­ten, pri­vat­wirt­schaft­lich kofi­nan­zier­ten Grün­dungs­zen­tren an deut­schen Hoch­schu­len. Ziel des Wett­be­werbs ist die signi­fi­kan­te Stei­ge­rung von High­tech-Aus­grün­dun­gen („Made in Ger­ma­ny“) durch eine enge Ver­zah­nung von For­schung, Indus­trie und Kapi­tal. Neben rund 110 Mio. Euro pri­va­ten Gel­dern stellt das BMWK bis zu 10 Mio. Euro pro Start­up Fac­to­ry in Aus­sicht, sofern pri­va­te Akteu­re die­sel­be Sum­me ein­brin­gen.

Facul­ty-Posi­tio­nen
Facul­ty-Posi­tio­nen bezeich­nen im US-ame­ri­ka­ni­schen Hoch­schul­sys­tem Pro­fes­su­ren mit zunächst befris­te­ten Gehalts­zu­sa­gen. Einer Beru­fung geht in der Regel ein sehr kom­pe­ti­ti­ves natio­na­les oder inter­na­tio­na­les Aus­wahl­ver­fah­ren vor­aus. Sie mün­den gewöhn­lich in eine unkünd­ba­re Fest­an­stel­lung und brin­gen hohe Erwar­tun­gen an For­schungs­pu­bli­ka­tio­nen und Leh­re mit sich.

Von Null auf Zwei an einem Tag!
Auf die Fra­ge nach dem Schöns­ten, was ihr am Tag vor unse­rem Gespräch pas­sier­te, ant­wor­te­te Eli­sa­beth Zeisberg ohne zu zögern: „Ges­tern war zufäl­lig ein ganz beson­de­rer Tag. Nach­dem ich in den letz­ten Jah­ren eigent­lich immer ohne irgend­ei­ne Assis­tenz aus­kom­men muss­te, konn­te ich zuerst vor­mit­tags die neu ein­ge­stell­te Assis­ten­tin für GOe FUTURE offi­zi­ell begrü­ßen und ganz über­ra­schend am Nach­mit­tag gleich noch eine wei­te­re, die mir von der Kli­nik für Kar­dio­lo­gie zuge­teilt wor­den war. Und gleich am nächs­ten Tag war dann auch schon die ers­te Auf­ga­be tip­pi­top­pi erle­digt, mit der ich mich sonst hät­te beschäf­ti­gen müs­sen.“