Im Charakter-Interview spricht Klaudia Silbermann, die Chefin der Agentur für Arbeit Göttingen, über die aktuelle Situation und wie die Agentur in schwierigen Zeiten auch Arbeitgebende unterstützt.
Interview & Foto: Ulrich Drees
Frau Silbermann, aus der Perspektive der Agentur für Arbeit, wie ist es aktuell um den Göttinger Arbeitsmarkt bestellt?
Seit der Corona-Pandemie verzeichnen wir einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Nach konjunkturellen Nachholeffekten direkt nach der Pandemie ist die Arbeitslosigkeit deutlich um 25 Prozent angewachsen. Und das insbesondere im Bereich der zum Bezug von Arbeitslosengeld Berechtigten, was auf entsprechende konjunkturelle Entwicklungen hindeutet. Analog dazu erleben wir in den letzten drei Jahren einen Rückgang der gemeldeten offenen Stellen, wobei wir gleichzeitig auch immer noch viele offene Stellen haben. In bestimmten Branchen wird es zunehmend schwieriger, offene Stellen zu besetzen. Eine weitere Entwicklung ist der Rückgang der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten seit Corona um 0,9 Prozent. Zuvor und auch während der Pandemie hatten wir eine leichte Zunahme, die danach durch diesen leichten Rückgang ersetzt wurde.
Sehr positiv ist die Verdopplung der Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern in den letzten zehn Jahren, die heute einen Anteil von elf Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ausmacht. Hier konnten wir den mit dem demografischen Wandel verbundenen Rückgang des deutschen Erwerbspersonenpotenzials ein Stück weit kompensieren.
Welche Entwicklung sehen Sie?
Auch für dieses Jahr ist ein leichter Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten prognostiziert und unser Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit, der regional etwas ungünstiger ausfällt als im Rest Niedersachsens bzw. im deutschen Durchschnitt.
Welche Trends beeinflussen die Entwicklung?
Wir erleben, dass sich mehrere Megatrends gleichzeitig auswirken. Es gibt den demografischen Effekt, der sich in nächster Zeit noch weiter verstärken wird. Dann haben wir Digitalisierungs- und Automatisierungseffekte, die Energiewende nach der Energiekrise, die Transformationsprozesse in den Betrieben und den Strukturwandel. Gleichzeitig gibt es die klassischen konjunkturellen Auf- und Abbewegungen auf dem Markt, die durch internationale Krisen wie Kriege und Zollpolitik verstärkt werden.
Welche Handlungsmöglichkeiten haben Sie als Agentur für Arbeit?
Wir nutzen einen großen Instrumentenkoffer für eine aktive Arbeitsmarktpolitik. Erst im letzten Jahr haben wir in der Region 19 Millionen Euro investiert und sind stolz, diese Summe für dieses Jahr auf 23 Millionen Euro erhöht zu haben, obwohl die Agentur für Arbeit aktuell große Summen für Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld ausgibt. Mit diesem Geld stellen wir in der Region nun verschiedene Eingliederungsinstrumente zur Verfügung. Dabei spielen die Angebote zur Qualifizierung von Arbeitslosen und die Förderung von Berufsabschlüssen eine zentrale Rolle. Darüber hinaus investieren wir gezielt auch in die Beschäftigtenqualifizierung.
Wo setzt diese Beschäftigtenförderung an?
Indem wir Beschäftigte qualifizieren, unterstützen wir Unternehmen im Strukturwandel und in Transformationsprozessen, um Entlassungen zu vermeiden. Das ist ein komplexes Feld. Zum einen wenden wir uns mit einer speziellen Berufsberatung im Erwerbsleben direkt an die Beschäftigten in den Betrieben, die beispielsweise von Digitalisierungsprozessen betroffen sind. Zum anderen haben wir aber auch ein Beratungsangebot für Arbeitgebende, die Arbeitsmarktberatung. In diesem Bereich fördern wir unter anderem gezielt ungelernte Arbeitskräfte in Beschäftigung, auch indem wir Arbeitgebenden ein Arbeitsentgelt zahlen, wenn jemand während einer Qualifizierung ausfällt. Ergänzend können wir eine ausfallende Arbeitskraft auch direkt nachbesetzen.
Gibt es noch weitere auf Arbeitgeber zugeschnittene Angebote?
Das wäre unsere Arbeitsmarktdrehscheibe, ein aktives Übergabe- und Übergangsmanagement, bei dem die Sozialpartner, also Betriebsräte und Unternehmensleitung, zusammenarbeiten. Wenn ich als Arbeitgeber so stark von Transformationsprozessen und Strukturwandel betroffen bin, dass Entlassungen wahrscheinlich werden, kann ich die Betroffenen über die Arbeitsmarktdrehscheibe aus der Arbeit direkt in die Arbeit bringen. Sie hilft, die sogenannten Chancenbranchen zu identifizieren, die Arbeitskräfte aufnehmen, und durch Beratung und Qualifizierung bereits frühzeitig einen möglichen Wechsel vorzubereiten, ohne dass es überhaupt zu einer Arbeitslosigkeit kommt.
Wir haben den Arbeitgeberservice, der nur für die Arbeitgebenden da ist. Dort sind spezialisierte Vermittler explizit für die Arbeitgeberberatung zuständig. Über kontinuierliche Befragungen unserer Kundinnen und Kunden ermitteln wir in diesem Bereich auf einer Schulnoten-Skala, wie unsere Leistungen ankommen. Dass wir uns im Zweierbereich bewegen, damit sind wir sehr zufrieden, nehmen aber gleichzeitig jedes Feedback ernst, um uns auch stetig weiterzuentwickeln.
Im Zusammenhang mit dem Thema Fachkräftemangel – decken die frei werdenden Arbeitskräfte den Bedarf der Chancenbranchen?
Natürlich finden manche Arbeitssuchende nach einer kurzen Phase der sogenannten Sucharbeitslosigkeit schnell wieder einen neuen Arbeitsplatz. Die strukturelle Arbeitslosigkeit, die Menschen betrifft, deren Qualifikation, Kompetenz, mögliche Arbeitszeit oder Mobilität nicht dem entspricht, was Unternehmen brauchen, ist jedoch ein Problem. 57 Prozent der aktuell bei uns gemeldeten Arbeitslosen haben keinen oder keinen formal anerkannten Berufsabschluss und nur knapp 23 Prozent der Stellenangebote kommen für diese Personen in Frage. Zunehmend werden auch ältere Menschen arbeitslos, weil Industriearbeitsplätze durch Transformationsprozesse wegfallen.
Wir begegnen dem mit möglichst individuellen Beratungsansätzen, die zunehmend auch auf digitale Unterstützungsangebote für unsere Kundinnen und Kunden setzen, um ihnen beispielsweise eine bedarfsgerechte und interaktive Vorabinformation und Vorbereitung auf die Zusammenarbeit mit uns zu ermöglichen. Gleichzeitig nutzen auch unsere Vermittlerinnen und Vermittler entsprechende Angebote, um beispielsweise mit KI-Unterstützung ihre Recherchearbeit zu verkürzen, damit sie sich auf die direkte Beratung konzentrieren können.
Welche Branchen suchen in Südniedersachsen Arbeitskräfte und wo werden welche freigesetzt?
Insbesondere wirken sich die Energiewende und die Transformation in der Automobilbranche einschließlich Zulieferer aus, die ja in der Region zahlreich vertreten ist. Hier sind zahlreiche Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren gegangen, weitere sind in der Baubranche und auch im Handel weggefallen. Die Wachstumsbranchen der Region finden sich in den Bereichen Gesundheit und Pflege, aber auch im Sozialen und in Teilen im Erziehungsbereich. Hier sind in den letzten sechs Jahren viele neue Arbeitsplätze entstanden.
Entlassene Metallarbeiter zu Pflegekräften umzuschulen, das klingt schwierig.
Um für jemanden, der jetzt von der Transformation betroffen ist, einen zukünftigen Arbeitsplatz zu finden, spielen allerdings viele differenzierte Aspekte eine Rolle, darunter lassen sich aber auch viele Chancen und Möglichkeiten entdecken. Eine Möglichkeit, zumindest den vorhandenen Bedarf der Arbeitgebenden zu bedienen, ist die gezielte Einwanderung von Fachkräften, die im Gesundheitsbereich bereits häufig genutzt wird. Hier entsteht ein Plus an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Arbeitsplätzen.
Wichtig ist hier darüber hinaus der hohe Anteil ungelernter Arbeitssuchender. In diesem Qualifizierungsbereich sind Umschulungen natürlich schneller und einfacher zu realisieren als bei einem erfahrenen Industriefacharbeiter, der gut verdient hat und nun zunächst eine äquivalente Position sucht.
Welche Wünsche äußern Arbeitgebende Ihnen gegenüber, was die Qualifikation und Eigenschaften von Bewerbern für offene Stellen angeht?
Eine gute Kommunikation zwischen den Arbeitgebenden und uns ist hier natürlich sehr wichtig, um unsere Qualifizierungsangebote auszurichten. Dementsprechend sind wir im engen Austausch mit den Kammern und den Arbeitgeberverbänden. Es gibt auch einen regionalen Weiterbildungsverbund, in den sich auch Unternehmen einbringen können, und wir stehen in engem Kontakt mit den Bildungsträgern und der SüdniedersachsenStiftung.
Wir erleben hier, dass Digitalisierung und Automatisierung neben fachlichen Qualifikationen aktuell neue Kompetenzanforderungen mit sich bringen, die für alle Branchen gelten: lebenslanges Lernen, IT-Kompetenz und Affinität zu neuen Technologien, Flexibilität, eine gewisse Kreativität und Sozialkompetenz. Verfügen Bewerber über diese Kernkompetenzen, rücken spezifische fachliche Faktoren auch manchmal in den Hintergrund, weil sie sich mit einer entsprechenden Basis häufig nachträglich entwickeln lassen.
Klaudia Silbermann
Die gebürtige Hannoveranerin hat sich seit Beginn ihres Berufslebens den Themen des Arbeits- und Ausbildungsmarktes gewidmet. Dabei hat sie bei ihrer langjährigen Arbeitgeberin, der Bundesagentur für Arbeit, an verschiedenen Orten unterschiedliche Aufgaben wahrgenommen. Seit 1. Juni 2021 leitet Klaudia Silbermann die Göttinger Agentur für Arbeit.
Der Ausbildungsbereich
Was die Situation im Ausbildungsbereich angeht, kommen in der Region auf 100 gemeldete Ausbildungsplätze 91 Bewerber – 2024 waren es 71 Bewerber. Da die Zahl der Ausbildungsplätze pro Bewerber schon im zweiten Jahr zurückgeht, ist die Agentur für Arbeit stark eingebunden, denn die Fachkräfte, die heute nicht ausgebildet werden, fehlen morgen. „Gleichzeitig ermuntern wir Unternehmen im Rahmen unserer Arbeitgeberberatung, zusätzliche Strategien zur Bewerbergewinnung zu fahren“, erläutert Klaudia Silbermann. „Wir gehen bewusst sehr früh in die Schulen, um schon in den Vorvorentlassungsklassen mit der Berufsorientierung einzusteigen und die Bewerberinnen und Bewerber in unsere Beratung aufzunehmen. Hier spielt für Arbeitgebende das Praktikum eine wichtige Rolle, um sich jemanden einmal anzuschauen. Bei Schulabsolventen können wir hier beispielsweise bei den Fahrkosten unterstützen.“
