Von Rapun­zels Turm in Tren­del­burg bis zu den Brü­dern Grimm in Göt­tin­gen: Die Deut­sche Mär­chen­stra­ße führt durch eine Regi­on vol­ler Geschich­ten.

Text: Kris­tin Schild | Fotos: Ado­be Stock

Wer durch Nie­der­sach­sen oder Hes­sen fährt, kennt sie viel­leicht vom Sehen: brau­ne Schil­der an der Auto­bahn mit wei­ßer Schrift, einem Schloss, einem Wald, einer Sil­hou­et­te. Die­se soge­nann­ten „Tou­ris­ti­schen Unter­rich­tungs­ta­feln“ wei­sen Rei­sen­de auf Sehens­wür­dig­kei­ten in der Nähe hin – und wer genau hin­schaut, ent­deckt hier und da einen Hin­weis auf die Deut­sche Mär­chen­stra­ße.
Die­se im Jahr 1975 gegrün­de­te Stra­ße zählt heu­te zu den belieb­tes­ten Feri­en­rou­ten Deutsch­lands und wur­de im letz­ten Jahr stol­ze 50 Jah­re alt.
Die Rou­te führt vom hes­si­schen Hanau, dem Geburts­ort der Brü­der Grimm, über mehr als tau­send Kilo­me­ter durch Mar­burg, Kas­sel, Hann. Mün­den, Göt­tin­gen und Hameln bis hin­auf nach Bre­men. Unter dem Mot­to „Mär­chen, Sagen und Legen­den“ gibt es dabei weit mehr zu ent­de­cken als nur die Welt der Grimms: Frau Hol­le, Rot­käpp­chen, Schnee­witt­chen, Aschen­put­tel, Baron Münch­hau­sen, Dok­tor Eisen­barth – sie alle haben hier ihre Hei­mat.

Zwi­schen Göt­tin­gen und den Wäl­dern >>> Wer die Mär­chen­stra­ße durch die Regi­on Göt­tin­gen und Süd­nie­der­sach­sen fährt, taucht in eine Land­schaft ein, die tat­säch­lich aus­sieht, als hät­ten sich Mär­chen hier ihren Weg gesucht. Dich­te Wäl­der, Fach­werk­städ­te, schma­le Flüs­se, die sich durch Täler schlän­geln. Hann. Mün­den, ein­ge­bet­tet zwi­schen Wer­ra, Ful­da und Weser sowie drei ver­wun­sche­nen Wäl­dern, soll schon den Gebrü­dern Grimm Inspi­ra­ti­on für ihre Mär­chen gege­ben haben. Hier starb einst auch Dok­tor Eisen­barth, der wan­dern­de Wun­der­hei­ler, des­sen Grab noch heu­te zu besich­ti­gen ist und des­sen schil­lern­de Geschich­te irgend­wo zwi­schen Legen­de und Wirk­lich­keit schwebt.
Wer dage­gen nach Nor­den wei­ter­fährt, stößt auf die Burg Tren­del­burg – deren mar­kan­ter Turm als Schau­platz für das Mär­chen von Rapun­zel gilt und noch heu­te hoch über der Land­schaft thront, als wür­de er jeden Moment ein gol­de­nes Haar her­ab­las­sen. Eben­falls ganz in der Nähe fin­det man mit der Saba­burg das sagen­um­wo­be­ne Dorn­rös­chen­schloss inmit­ten eines uralten Wild­parks – umge­ben von Eichen, die tat­säch­lich alt genug wären, einen Hun­dert­jäh­ri­gen Schlaf zu über­dau­ern. Ein biss­chen nörd­li­cher und direkt an der Weser gele­gen befin­det sich in Boden­wer­der die Hei­mat des berüch­tig­ten Lügen-Barons von Münch­hau­sen und die Stadt Hameln ist inter­na­tio­nal für sei­nen kin­der­fan­gen­den Rat­ten­fän­ger bekannt, der tat­säch­lich auf einer wah­ren Figur beru­hen soll.

Göt­tin­gen und die Grimms >>> Und dann ist da Göt­tin­gen. Von 1829 bis 1837 lehr­ten Jacob und Wil­helm Grimm an der berühm­ten Uni­ver­si­tät und arbei­te­ten als Biblio­the­ka­re. In die­ser Zeit ent­stan­den die drit­te Auf­la­ge der „Kin­der- und Haus­mär­chen“ sowie die „Deut­sche Mytho­lo­gie“. Das Ende der Göt­tin­ger Jah­re war hin­ge­gen dra­ma­tisch, denn die Brü­der gehör­ten zu den „Göt­tin­ger Sie­ben“, Pro­fes­so­ren, die gegen den König pro­tes­tier­ten und dafür schließ­lich ihre Stel­len ver­lo­ren. Wer dem span­nen­den Lebens­werk der bei­den noch tie­fer auf den Grund gehen möch­te, fin­det in Kas­sel die GRIMMWELT – ein moder­nes Muse­um, das auf künst­le­ri­sche und inter­ak­ti­ve Wei­se in die Welt der Brü­der ein­taucht und seit sei­ner Eröff­nung 2015 zu den meist­be­such­ten Adres­sen ent­lang der gesam­ten Rou­te zählt. Nur ein kur­zes Stück ent­fernt, im thü­rin­gi­schen Heil­bad Hei­li­gen­stadt, war­tet der Mär­chen­park der Brü­der Grimm mit lebens­gro­ßen Figu­ren aus Geschich­ten wie „Der Wolf und die sie­ben Geiß­lein“, „Frau Hol­le“ oder „Hän­sel und Gre­tel“. Ein Mär­chen­schloss und regel­mä­ßi­ge Erzähl­stun­den machen die Welt der Grimms dort beson­ders für Kin­der greif­bar.

Eine Rou­te, die Geschich­ten erzählt >>> Die Mär­chen­stra­ße ist also kein Muse­um, das man abar­bei­tet. Sie ist eine Ein­la­dung zum Umweg, zum Abbie­gen, zum Inne­hal­ten. Vie­le inter­na­tio­na­le Jour­na­lis­ten und Blog­ger aus Län­dern wie Chi­na, Japan, den USA und ganz Euro­pa haben das Jubi­lä­ums­jahr genutzt, um die Rou­te zu erkun­den – ein Zei­chen dafür, wie weit die Geschich­ten aus die­sem Land­strich gereist sind.

Brü­der Grimm-Natio­nal­denk­mal in Hanau – Aus­gangs­punkt der Deut­schen Mär­chen­stra­ße

Dok­tor Eisen­bart in Hann. Mün­den

Der Rat­ten­fän­ger von Hameln

Burg Tren­del­burg: Hei­mat von Rapun­zel