Wäh­rend eines Aus­flugs zur Burg Ples­se sprach der Geschäfts­füh­rer des Evan­ge­li­schen Kran­ken­hau­ses Göt­tin­gen-Ween­de mit dem Cha­rak­ter-Chef­re­dak­teur Ulrich Drees über das Gesund­heits­we­sen, Alpha-Tie­re und das Angeln.

Inter­view: Ulrich Drees | Fotos: Ste­phan Beu­er­mann

Herr Heiß­mey­er, wir sind heu­te zur Burg­rui­ne Ples­se unter­wegs. Wie ich hör­te, hät­ten Sie sich auch vor­stel­len kön­nen, dass wir das Inter­view mit einer Fahr­rad­tour ver­bin­den?
So rich­tig ernst war das nicht gemeint, aber ich mag es, mit dem Fahr­rad zur Ples­se zu fah­ren. Weni­ger aus sport­li­chen Grün­den, son­dern weil ich mich schon immer mit mei­ner Fami­lie oder Freun­den dafür begeis­tern konn­te, mit dem Zwei­rad durch schö­ne Land­schaf­ten zu tou­ren.

In mei­nem Fall hät­te ich Ihnen dabei ver­mut­lich nur weni­ge Fra­gen stel­len kön­nen, weil mir rasch die Pus­te aus­ge­gan­gen wäre. Inso­fern nut­ze ich die Gele­gen­heit, dass Sie uns zur Ples­se fah­ren, um Sie zunächst zu bit­ten, ein wenig von Ihrem beruf­li­chen Wer­de­gang zu erzäh­len.
Als ich mich vor 35 Jah­ren zunächst für eine Aus­bil­dung zum Kran­ken­pfle­ger ent­schied, woll­te ich eigent­lich auch in die­sem Bereich blei­ben. Doch es hat mich schon immer gereizt, mit einer stra­te­gi­schen Per­spek­ti­ve zu arbei­ten, also die Zukunft eines Kran­ken­hau­ses mit­zu­ge­stal­ten, an dem ich tätig war. Als sich dann nach mei­nem Stu­di­um an der FH Osna­brück zufäl­lig die Mög­lich­keit bot, zur Bar­mer Ersatz­kas­se zu gehen, habe ich die Gele­gen­heit ergrif­fen, weil es dort um genau die­se stra­te­gi­schen Aspek­te ging. In der Zeit bei der Bar­mer habe ich auch erst­mals das Evan­ge­li­sche Kran­ken­haus Göt­tin­gen-Ween­de ken­nen­ge­lernt und habe mich sofort wohl­ge­fühlt. Es war spür­bar gut geführt, Stim­mung und Phi­lo­so­phie stimm­ten und auch wirt­schaft­lich lief es gut. Und so war es nur fol­ge­rich­tig, dass ich, als sich die Gele­gen­heit bot, 2003 ein ers­tes Mal beruf­lich ins Ween­de Kran­ken­haus gewech­selt bin.
Nach 6 Jah­ren Ween­de zog es mich dann nach Han­no­ver, wo ich die Chan­ce bekam, als Kauf­män­ni­scher Direk­tor im Kli­ni­kum Regi­on Han­no­ver (KRH) meh­re­re städ­ti­sche Stand­or­te mit zu ent­wi­ckeln. Der nächs­te Schritt waren dann ers­te Erfah­run­gen in der Kran­ken­haus­ge­schäfts­füh­rung, zunächst in Ein­beck und dann eine zwei­jäh­ri­ge Tätig­keit in Frank­furt am Main, wo ich – obwohl ich mit mei­ner Fami­lie inzwi­schen in Han­no­ver wohn­te – als Geschäfts­füh­rer einer ortho­pä­di­schen Fach­kli­nik, einer Toch­ter­ge­sell­schaft der Uni­ver­si­tät Frank­furt, tätig war. Wäh­rend die­ser gan­zen Zeit gab es eigent­lich immer Kon­takt mit Ween­de, wor­aus sich dann irgend­wann das Ange­bot ergab, nach Göt­tin­gen zurück­zu­keh­ren, um erneut dort zu arbei­ten. 2019 habe ich dann als Kauf­män­ni­scher Direk­tor wie­der in Ween­de begon­nen, wobei per­spek­ti­visch klar war, dass ich mit­tel­fris­tig auch die Nach­fol­ge in der Geschäfts­füh­rung antre­ten könn­te. Eine für mich span­nen­de und nach 20 Jah­ren auf der kauf­män­ni­schen Sei­te auch her­aus­for­dern­de Zeit war dann, dass ich in den Jah­ren 2021 bis 2024 die Rol­le des Pfle­ge­di­rek­tors mit über­neh­men durf­te.

Vom direk­ten Pati­en­ten­kon­takt in der Pfle­ge zur Geschäfts­füh­rung eines gro­ßen Kran­ken­hau­ses. Was haben Sie auf die­sem Weg über das Ver­hält­nis zwi­schen Pati­en­ten­wohl und wirt­schaft­li­chen Aspek­ten des Gesund­heits­we­sens gelernt?
Das eine bedingt das ande­re. An der Pfle­ge schät­ze ich das direk­te Feed­back der Men­schen, denen man hilft und mit denen man zusam­men­ar­bei­tet. Ich mag das. Aber nur, wenn ein Kran­ken­haus wirt­schaft­lich arbei­tet, kann es die Frei­räu­me orga­ni­sie­ren, in denen die­se Form guter Dienst­leis­tung mög­lich ist. Des­halb fin­de ich es beson­ders span­nend, die ope­ra­ti­ve und die kauf­män­ni­sche Sei­te zusam­men­zu­brin­gen, wobei mir mei­ne unter­schied­li­chen Erfah­run­gen natür­lich nütz­lich sind. Zwi­schen Ärz­ten und Kauf­leu­ten oder der Pfle­ge und den Kauf­leu­ten besteht kei­ne natür­li­che Freund­schaft. Jede Grup­pe spricht ihre eige­ne Fach­spra­che und hat ihre eige­nen Abläu­fe. Dass ich die­se Spra­chen und die Abläu­fe jedoch ver­ste­he, ermög­licht mir, wie eine Art Über­set­zer zu agie­ren, wobei ich mei­ner­seits das kauf­män­ni­sche Wis­sen um das The­ma Kran­ken­haus­fi­nan­zie­rung ein­brin­gen kann. Das hilft mir, allen Betei­lig­ten ver­ständ­lich zu machen, dass wir dabei nicht auf unter­schied­li­chen Sei­ten ste­hen, son­dern mit­ein­an­der am glei­chen Ziel arbei­ten.

Ange­sichts der öffent­li­chen Dis­kus­si­on über die Ent­wick­lung im Gesund­heits­we­sen schei­nen die Kran­ken­kas­sen oft einen Gegen­pol zu Kran­ken­häu­sern und Ärz­ten zu bil­den. Wie sehen Sie das als ehe­ma­li­ger Kran­ken­kas­sen­mit­ar­bei­ter?
Lei­der wer­den Kran­ken­kas­sen in unse­rer stark pola­ri­sie­ren­den Gesell­schaft inner­halb der Kran­ken­haus­land­schaft häu­fig als Geg­ner erlebt. Doch der Gesetz­ge­ber hat sie mit einem kla­ren Auf­trag ver­se­hen: Sie sol­len dafür sor­gen, dass die Gesund­heits­ver­sor­gung der Ver­si­cher­ten funk­tio­niert, ohne dass die Bei­trags­sät­ze stei­gen. Unser Auf­trag als Kran­ken­haus ist in die­sem Zusam­men­hang, die dazu nöti­gen Ver­sor­gungs­leis­tun­gen zu erbrin­gen, wäh­rend die Kran­ken­kas­sen dar­auf zu ach­ten haben, dass die Bei­trags­mit­tel der Ver­si­cher­ten sinn­stif­tend ver­wen­det wer­den. Dass es dabei zu Rei­bun­gen kommt, ist nor­mal. Aber ich sehe die Kran­ken­kas­sen nicht als Geg­ner. Wir haben ein gemein­sa­mes Ziel. Machen wir uns das bewusst, fin­det sich meist auch eine Lösung.

Ist also der Staat der Buh­mann?
Natür­lich setzt der Staat die Rah­men­be­din­gun­gen für die Finan­zie­rung des Kran­ken­haus­we­sens. Damit müs­sen wir arbei­ten, selbst wenn gesetz­li­che Rege­lun­gen manch­mal sehr kurz­fris­tig ver­än­dert wer­den. Gleich­zei­tig finan­ziert der Staat natür­lich auch die not­wen­di­gen Inves­ti­tio­nen für unse­ren Betrieb.
Hilf­reich wäre es aller­dings, wenn die Poli­tik kla­rer kom­mu­ni­zie­ren wür­de, wie man sich die anste­hen­de Neu­ord­nung der Kran­ken­haus­land­schaft genau vor­stellt. Aktu­ell schlie­ßen unren­ta­ble Kran­ken­häu­ser. Das klingt zwar nach­voll­zieh­bar, ob es im Sin­ne einer guten Ver­sor­gung rich­tig ist, sei dahin­ge­stellt. Eben­so unren­ta­ble Kran­ken­häu­ser in öffent­li­cher Trä­ger­schaft blei­ben am Markt, weil die Ver­ant­wort­li­chen in den Kom­mu­nen davor zurück­schre­cken, sie zu schlie­ßen und Defi­zi­te aus Steu­er­mit­teln aus­glei­chen. Das erzeugt bei den frei­ge­mein­nüt­zi­gen Häu­sern, die ja unter den­sel­ben Rah­men­be­din­gun­gen nur eben ohne die­se Unter­stüt­zung wirt­schaf­ten müs­sen, ein Gefühl der Ungleich­be­hand­lung.

Nach außen wird in Kran­ken­häu­sern vor allem die Arbeit des medi­zi­ni­schen Per­so­nals wahr­ge­nom­men, was prägt Ihren Arbeits­all­tag?
Der Haupt­teil mei­ner Arbeit besteht dar­in, auf der Basis belast­ba­rer Zah­len zu kom­mu­ni­zie­ren, zu orga­ni­sie­ren und zu struk­tu­rie­ren sowie dar­in, bezüg­lich der kon­ti­nu­ier­li­chen gesetz­li­chen Neue­run­gen auf dem Lau­fen­den zu blei­ben. Dabei geht es für mich immer dar­um: Wie gelingt eine gute Steue­rung, die ein gutes Arbei­ten ermög­licht?

Ergibt sich aus die­sen Fra­gen auch Ihre Moti­va­ti­on?
In gewis­ser Wei­se. In ers­ter Linie mache ich ein­fach ger­ne Kran­ken­haus. Mir jeden Tag aufs Neue zu über­le­gen, was ich tun muss, damit das Haus, in dem ich arbei­te, in fünf oder zehn Jah­ren funk­tio­niert und wie ich ande­re Men­schen dabei mit­neh­me, das macht mir ein­fach Spaß. Im Kern geht es dar­um, mich zu fra­gen: Wo müs­sen wir hin und wie kom­men wir dort­hin?

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit weni­ger gut?
Das ist gar nicht so ein­fach zu sagen. Mein Beruf stellt mich glück­li­cher­wei­se vor immer wie­der neue und uner­war­te­te Her­aus­for­de­run­gen. So wur­de ich in mei­ner Frank­fur­ter Zeit bei­spiels­wei­se an einem Pfingst­wo­chen­en­de plötz­lich ange­ru­fen, dass unser Not­strom­ag­gre­gat aus­ge­fal­len sei, was für ein Kran­ken­haus natür­lich nicht geht. Dann über Pfings­ten eine schnel­le Repa­ra­tur zu orga­ni­sie­ren, war zwar nicht ein­fach, aber ich mag sol­che Situa­tio­nen. Was ich nicht mag, ist die Erkennt­nis, dass trotz unse­rer guten Arbeit manch­mal per­so­nel­le oder qua­li­ta­ti­ve Ein­spa­run­gen nötig sind, weil die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen kei­ne Alter­na­ti­ve mehr zulas­sen. Das gilt umso mehr, weil ich aus eige­ner Pra­xis­er­fah­rung weiß, wie wich­tig die Arbeit der Betrof­fe­nen eigent­lich ist.

In drei Wor­ten: Was bedeu­tet Kran­ken­haus für Sie?
Gemein­schaft. Inten­si­ves Men­scheln, weil vie­le Men­schen mit vie­len Men­schen arbei­ten, und viel Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Und wenn Sie als Pati­ent an Kran­ken­häu­ser den­ken?
Mensch­lich­keit, Zuwen­dung und Sicher­heit.

Sicher­heit?
Unab­hän­gig von der jewei­li­gen Erkran­kung kommt man als Pati­ent immer in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on ins Kran­ken­haus, die für das Per­so­nal dort wie­der­um nor­mal ist. Als Pati­ent war ich selbst des­halb immer froh, zwar mit einer gewis­sen Empa­thie behan­delt zu wer­den, aber auch zu spü­ren, dass sich Men­schen mei­ner anneh­men, die wis­sen, was sie tun, und das auch ver­mit­teln. So ent­stand bei mir die Sicher­heit, gut auf­ge­ho­ben zu sein.

Wobei Aus­nah­me­si­tua­tio­nen offen­sicht­lich sehr unter­schied­lich emp­fun­den wer­den. Seit Jah­ren suchen immer mehr Men­schen Kran­ken­haus­not­auf­nah­men auch ohne medi­zi­ni­schen Not­fall auf. Woher kommt die­ses Ver­hal­ten, das ja sogar in Aggres­si­vi­tät mün­den kann, wenn ent­spre­chen­de Erwar­tun­gen an schnel­le Hil­fe nicht erfüllt wer­den?
Das hat sicher ver­schie­de­ne Grün­de. Einer ist, dass wir den Men­schen sei­tens des Gesetz­ge­bers ver­mit­telt haben, dass wir in einem Voll­kas­ko­sys­tem leben, in dem man immer alles über­all bekommt. So ent­ste­hen Pro­ble­me, wenn sich Men­schen mit ent­spre­chen­den Vor­stel­lun­gen in die Abläu­fe eines Kran­ken­haus­sys­tems ein­ord­nen müs­sen, das die­se Voll­kas­ko-Vor­stel­lung nicht immer leis­ten kann.

Inzwi­schen unter­hal­ten wir uns auf der Burg Ples­se und bewun­dern gera­de die schö­ne Aus­sicht vom Rand des Burg­bergs. War­um haben Sie sich die­ses Ziel aus­ge­sucht? Sind Sie Mit­tel­al­ter-Fan?
Es liegt eher an der schö­nen Natur rund um die Burg. Ich bin sehr gern drau­ßen, ver­mut­lich weil ich in Hämel­schen­burg auf­wuchs, einem klei­nen Dorf im Weser­berg­land zwi­schen Bad Pyr­mont und Hameln. Dort war man immer schnell im Wald, und die Aus­sicht auf die bewal­de­ten Hügel hier erin­nert mich immer ein wenig an mei­ne Hei­mat. Ein wenig spielt aber auch das Geschicht­li­che eine Rol­le. Denn in Hämel­schen­burg gibt es auch ein wun­der­schö­nes Weser­re­nais­sance-Schloss, in dem ich in mei­ner Jugend als Schloss­füh­rer gear­bei­tet habe.

Bei jeman­dem mit dem Vor­na­men Hau­ke hät­te ich eher auf nord­deut­sche Wur­zeln getippt.
Mein Vor­na­me geht ver­mut­lich dar­auf zurück, dass mein Vater damals Lehr­amt stu­dier­te und rund um die Namens­fin­dung den „Schim­mel­rei­ter“ von Theo­dor Storm gele­sen hat­te.

Auch der Schloss­füh­rer-Job klingt unge­wöhn­lich. Wie kam es dazu?
Das war ein glück­li­cher Zufall: Ich ging mit der Toch­ter der Schloss­ver­walt­er­fa­mi­lie zur Schu­le. Da ergab sich das ganz orga­nisch. Ich pro­fi­tie­re aber noch heu­te davon.

Inwie­fern?
Da ich schon mit 16 Jah­ren regel­mä­ßig vor grö­ße­ren Besu­cher­grup­pen trai­nie­ren konn­te, hat­te ich spä­ter nie Pro­ble­me damit, wenn ich bei­spiels­wei­se auf Groß­ver­an­stal­tun­gen Reden hal­ten soll­te.

Auf unter­schied­li­chen Ebe­nen wird in Göt­tin­gen gern ein beson­de­res Kli­ma des Zusam­men­halts und der kon­struk­ti­ven Unter­stüt­zung zitiert. Gibt es die­sen „Göt­tin­gen Spi­rit“ auch in der loka­len Kran­ken­haus­land­schaft?
Gera­de zwi­schen den Fach­ab­tei­lun­gen auf der ope­ra­ti­ven Ebe­ne gibt es zwi­schen den Häu­sern eine spür­bar gute Zusam­men­ar­beit und Abstim­mung. Auf der über­ge­ord­ne­ten Ebe­ne spie­len natür­lich auch wirt­schaft­li­che Aspek­te eine Rol­le, bei denen doch jeder die eige­nen Inter­es­sen im Auge behält, die sich selbst­ver­ständ­lich mit denen ande­rer über­schnei­den kön­nen. Aller­dings ist die Kran­ken­haus­land­schaft in Göt­tin­gen rela­tiv über­schau­bar. Ich ken­ne Bal­lungs­räu­me, in denen auf engs­tem Raum bis zu zwan­zig Kran­ken­häu­ser exis­tie­ren, was zu einer viel stär­ke­ren Kon­kur­renz führt.
Da wir alle eine gute Ver­sor­gung in Göt­tin­gen orga­ni­sie­ren wol­len, sind wir natür­lich in einem kon­ti­nu­ier­li­chen Aus­tausch dar­über, wer bei­spiels­wei­se wel­che Ver­sor­gung über­nimmt.

Die­ser Aus­tausch erfolgt ver­mut­lich auf der „Che­f­ebe­ne“. Da fra­ge ich mich, ob man ein Alpha­tier sein muss, um ein Kran­ken­haus in die­sem Zusam­men­hang zu reprä­sen­tie­ren und ob Sie dem­entspre­chend eines sind?
Ohne die­se Eigen­schaft wird man nicht zum Geschäfts­füh­rer. Wobei es aus mei­ner Sicht unter­schied­li­che Phä­no­ty­pen von Alpha­tie­ren gibt, und ich zu denen gehö­re, die gern im Team arbei­ten. Es gibt die­sen Satz: „Wenn im Unter­neh­men nur einer ent­schei­det, dann ist das Unter­neh­men auch nur so schlau, wie die­ser eine gera­de ist.“ Wenn es mir also gelingt, Ent­schei­dun­gen auf meh­re­ren Schul­tern zu ver­tei­len, ist mein Unter­neh­men schlau­er und bes­ser. Des­halb sehe ich mei­ne Auf­ga­be vor allem dar­in, die­sen Pro­zess zu för­dern und zu mode­rie­ren sowie die Struk­tur, die Stra­te­gie und den wirt­schaft­li­chen Rah­men vor­zu­ge­ben. Ich möch­te dafür sor­gen, dass die Men­schen, mit denen ich zusam­men­ar­bei­te, bestimm­te Frei­heits­gra­de nut­zen, ohne immer zuerst mei­ne Ent­schei­dung abzu­war­ten. Inso­fern sehe ich mich eher als Trai­ner, der einer Mann­schaft die Rich­tung vor­gibt. Gleich­zei­tig prä­gen die­ser Anspruch, die Rich­tung vor­zu­ge­ben, und die Bereit­schaft, dabei auch Risi­ken ein­zu­ge­hen, mei­ne Arbeit als Geschäfts­füh­rer.

Spielt die­se Hal­tung auch ins Pri­va­te hin­ein? Oder leh­nen Sie sich zu Hau­se, unter Freun­den oder im Ver­ein dann gern zurück und über­las­sen ande­ren die Rich­tungs­ent­schei­dun­gen?
Ich glau­be, ich kann das ganz gut. Ob das ande­re auch so sehen, weiß ich nicht. Ich habe vier Kin­der. Wenn ich frei­tags nach Hau­se kam, war es für mich immer der bes­te Aus­gleich zur Arbeit, mich dort zurück­zu­leh­nen und mich inten­siv um Kin­der und Fami­lie zu küm­mern. Ent­ge­gen mei­ner Wahr­neh­mung wur­de mir jedoch spä­ter gespie­gelt, an der einen oder ande­ren Stel­le immer noch bestim­mend auf­ge­tre­ten zu sein. Ver­mut­lich kann sich kaum jemand in Beruf und Pri­vat­le­ben völ­lig unter­schied­lich ver­hal­ten, aber ich emp­fin­de es wirk­lich als sehr ange­nehm, nicht immer der­je­ni­ge sein zu müs­sen, der sagt, wo es lang­geht.

Ein­mal abge­se­hen von zu Hau­se, wo ent­span­nen Sie ansons­ten?
In der Natur beim Fahr­rad­fah­ren, ich lese gern und höre Musik. Ab und zu gehe ich auch ein­mal angeln, wobei aktu­ell – so kurz nach­dem ich die allei­ni­ge Geschäfts­füh­rung über­nom­men habe – dafür nur wenig Zeit übrig bleibt.

Wie sind Sie zum Angeln gekom­men?
Obwohl es nahe­lie­gend wäre, weil die Emmer durch Hämel­schen­burg fließt, war das in den USA, wo ich 1985 ein Jahr als Aus­tausch­schü­ler in Iowa ver­brach­te. Dort im mitt­le­ren Wes­ten war genau gar nichts los, und da es auch noch kei­ne digi­ta­len Zer­streu­ungs­an­ge­bo­te gab, lud man sich am Wochen­en­de in der Regel ein Boot auf den Pick­up und fuhr zum Angeln. Zurück in Deutsch­land habe ich das Hob­by dann wie­der­ent­deckt, als mei­ne drei Jungs und mei­ne Toch­ter noch klein waren. Es war schön, gemein­sam in der Natur zu sein oder zu ler­nen, dass man ein Tier auch töten muss, wenn man es essen möch­te. Nach­dem mei­ne Kin­der jetzt groß sind, gehe ich ganz unre­gel­mä­ßig noch immer mit ein paar Freun­den angeln.

Jetzt muss ich natür­lich fra­gen, wie schwer Ihr größ­ter Fang war.
Auch wenn es span­nen­der ist, einen grö­ße­ren Fisch zu angeln als einen klei­nen, habe ich da kei­nen sport­li­chen Ehr­geiz. Mir geht es dar­um, drau­ßen zu sein und etwas zu tun zu haben.

Ist Angeln nicht eher von medi­ta­ti­ver Ruhe am Ran­de eines Sees geprägt?
Es gibt ver­schie­de­ne For­men. Ich bin dabei eher auf oder am Was­ser unter­wegs und zie­he immer wie­der neu einen Köder durchs Was­ser. Da ist man eigent­lich immer in Akti­on.

Sie haben auch Musik als Mit­tel der Ent­span­nung erwähnt. Ähn­lich wie beim Angeln stellt man sich dabei ja auch eher ein Zurück­leh­nen und Zuhö­ren vor – oder hören sie Musik eher als Beglei­tung zu ande­ren Akti­vi­tä­ten?
In mei­ner Jugend habe ich selbst Musik gemacht, meist klas­si­sche Musik, bei­spiels­wei­se habe ich Trom­pe­te in Orches­tern und Bands gespielt. Heu­te höre ich immer noch ger­ne Klas­sik. Ansons­ten ertap­pe ich mich dabei, dass es mir schwe­rer fällt, mich auf Neu­es ein­zu­las­sen, sodass ich meist die Sachen höre, die mir auch frü­her schon gefal­len haben. Was die Akti­vi­tät angeht: Ich mag Live-Musik als Kon­zert oder auch im Film, weil ich gern Men­schen dabei zuse­he, wie sie Musik machen. Ich mag es ein­fach, Men­schen zu sehen, die das, was sie tun, gern tun und dar­in außer­dem noch sehr gut sind.

Sie sind beruf­lich jetzt an einem Punkt ange­langt, an dem ich mir vor­stel­len könn­te, dass Sie dort auch bis zum Ende Ihrer Lauf­bahn blei­ben. Wenn Sie mit den Erfah­run­gen, die Sie auf dem Weg dort­hin gesam­melt haben, die aktu­el­le Situa­ti­on mit all ihren immer neu­en Kri­sen­mo­men­ten betrach­ten, wie bewer­ten Sie das?
Was ich aktu­ell eher schwie­rig fin­de, ist, dass wir in einer Zeit der all­ge­mei­nen Empö­rung leben. Wir suchen stän­dig nach dem Nega­ti­ven, nach Schul­di­gen und regen uns über irgend­et­was auf. Auch was die Sicht auf die Kri­sen angeht, wür­de ich mir ein wenig mehr Gelas­sen­heit wün­schen. Vor kur­zem habe ich mich mit mei­nem Sohn dar­über unter­hal­ten, dass Men­schen mei­nes Alters noch regel­mä­ßig Manö­ver mit­er­lebt haben. Es war nor­mal, dass im Herbst Pan­zer auf den Stra­ßen unter­wegs waren oder man einen Über­schall­knall hör­te. Auch der Kal­te Krieg mit Russ­land war sehr bedroh­lich. Heu­te wird all das noch zusätz­lich durch die­se Empö­rungs­kul­tur in den sozia­len Medi­en befeu­ert. Trotz­dem. Die Zei­ten sind nicht ein­fach. Was mich aber wirk­lich erschreckt, ist das Gefühl, dass wir gesell­schaft­lich und mensch­lich eigent­lich wei­ter wären. Dass so vie­le Men­schen es offen­sicht­lich ganz attrak­tiv fin­den, wenn ihnen ein Auto­krat sagt, wo es lang geht – da dach­te ich, dass wir das hin­ter uns gelas­sen hät­ten. Des­halb glau­be ich, dass es heu­te beson­ders wich­tig ist, sich für das The­ma Demo­kra­tie zu enga­gie­ren, wäh­rend für mei­ne Kin­der bei­spiels­wei­se eher das The­ma Kli­ma­wan­del eine zen­tra­le Rol­le spielt. Glück­li­cher­wei­se bin ich grund­sätz­lich ein Opti­mist. Auch wenn wir sie jetzt noch nicht ken­nen, wird es Lösun­gen geben.

Hau­ke Heiß­mey­er, Ulrich Drees

Hau­ke Heiß­mey­er
Hau­ke Heiß­mey­er (Jahr­gang 1969) arbei­tet als Geschäfts­füh­rer des Evan­ge­li­schen Kran­ken­hau­ses Göt­tin­gen-Ween­de (EKW). Bereits von 2003 bis 2009 war der Diplom-Kauf­mann dort als Lei­ter des Con­trol­lings tätig und kehr­te 2019 als Kauf­män­ni­scher Direk­tor an das Haus zurück. Zuvor arbei­te­te er in lei­ten­den Funk­tio­nen im Kran­ken­haus­ma­nage­ment, unter ande­rem als Kauf­män­ni­scher Direk­tor im Kli­ni­kum Regi­on Han­no­ver sowie als Kauf­män­ni­scher Geschäfts­füh­rer der Ortho­pä­di­schen Uni­ver­si­täts­kli­nik Fried­richs­heim in Frank­furt am Main und in Ein­beck. Am EKW über­nahm Heiß­mey­er neben kauf­män­ni­schen Auf­ga­ben zeit­wei­se auch die Pfle­ge­di­rek­ti­on. Seit Juli 2025 gehört er der Geschäfts­füh­rung des Ween­der Kran­ken­hau­ses an; seit April 2026 trägt er die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung.

Wohl­füh­len in Ween­de
Dass sich Hau­ke Heiß­mey­er im Evan­ge­li­schen Kran­ken­haus Göt­tin­gen-Ween­de wohl­fühlt, ist dem neu­en Geschäfts­füh­rer anzu­mer­ken. War­um, das begrün­det er so: „Seit ich zum ers­ten Mal hier war, ist eine beson­de­re Nähe spür­bar. Man wird gegrüßt und auch mal gefragt, ob man Hil­fe braucht. Das liegt viel­leicht an der Grö­ße: Das Haus ist nicht zu klein, aber auch nicht zu groß. Man ist noch anein­an­der inter­es­siert. Wir nen­nen das gern den ‚Ween­der Geist‘, der dafür sorgt, dass wir uns hier als Gemein­schaft emp­fin­den, die nicht nur mit­ein­an­der arbei­tet, son­dern auch zusam­men fei­ern mag.“

Ein christ­li­ches Kran­ken­haus
„Unser christ­li­ches Selbst­ver­ständ­nis“, erklärt Hau­ke Heiß­mey­er, „zeigt sich nicht nur in unse­rem Leit­bild, unse­rer schö­nen Kapel­le und unse­ren sehr enga­gier­ten Seel­sor­gern, die sich eben­so um unse­re Pati­en­ten wie um unse­re Mit­ar­bei­ten­den küm­mern. Für mich ist es vor allem ein Kon­sens, der sicher nicht mehr so sicht­bar ist wie vor zwan­zig oder drei­ßig Jah­ren, aber mein Den­ken doch in vie­len klei­nen Bei­spie­len prägt.“

Aus­nah­me­er­leb­nis
Hau­ke Heiß­mey­er erleb­te die Coro­na-Pan­de­mie in Göt­tin­gen als eine Zeit, in der er nicht nur kon­kret erleb­te, dass sich die Mit­ar­bei­ten­den des Ween­der Kran­ken­hau­ses auf Covid-Sta­tio­nen bewusst Risi­ken aus­setz­ten, um ihren Beruf aus­zu­üben. „Gleich­zei­tig war es gut“, erin­nert er sich, „mit­zu­er­le­ben, wie sehr uns die Her­aus­for­de­run­gen die­ser Zeit als Team zusam­men­brach­ten und dass der Gesetz­ge­ber uns die Gestal­tungs­räu­me bot, unse­ren Auf­ga­ben nach­zu­kom­men. Die Pan­de­mie hat auch im Nach­hin­ein vie­les ver­än­dert, denn erst heu­te nähern sich die Pati­en­ten­zah­len in den Kran­ken­häu­sern wie­der dem Niveau vor Coro­na. Erschre­ckend fand ich, wie schnell plötz­lich auch so eine Geschäf­te­ma­che­rei ein­setz­te.“