Während eines Ausflugs zur Burg Plesse sprach der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende mit dem Charakter-Chefredakteur Ulrich Drees über das Gesundheitswesen, Alpha-Tiere und das Angeln.
Interview: Ulrich Drees | Fotos: Stephan Beuermann
Herr Heißmeyer, wir sind heute zur Burgruine Plesse unterwegs. Wie ich hörte, hätten Sie sich auch vorstellen können, dass wir das Interview mit einer Fahrradtour verbinden?
So richtig ernst war das nicht gemeint, aber ich mag es, mit dem Fahrrad zur Plesse zu fahren. Weniger aus sportlichen Gründen, sondern weil ich mich schon immer mit meiner Familie oder Freunden dafür begeistern konnte, mit dem Zweirad durch schöne Landschaften zu touren.
In meinem Fall hätte ich Ihnen dabei vermutlich nur wenige Fragen stellen können, weil mir rasch die Puste ausgegangen wäre. Insofern nutze ich die Gelegenheit, dass Sie uns zur Plesse fahren, um Sie zunächst zu bitten, ein wenig von Ihrem beruflichen Werdegang zu erzählen.
Als ich mich vor 35 Jahren zunächst für eine Ausbildung zum Krankenpfleger entschied, wollte ich eigentlich auch in diesem Bereich bleiben. Doch es hat mich schon immer gereizt, mit einer strategischen Perspektive zu arbeiten, also die Zukunft eines Krankenhauses mitzugestalten, an dem ich tätig war. Als sich dann nach meinem Studium an der FH Osnabrück zufällig die Möglichkeit bot, zur Barmer Ersatzkasse zu gehen, habe ich die Gelegenheit ergriffen, weil es dort um genau diese strategischen Aspekte ging. In der Zeit bei der Barmer habe ich auch erstmals das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende kennengelernt und habe mich sofort wohlgefühlt. Es war spürbar gut geführt, Stimmung und Philosophie stimmten und auch wirtschaftlich lief es gut. Und so war es nur folgerichtig, dass ich, als sich die Gelegenheit bot, 2003 ein erstes Mal beruflich ins Weende Krankenhaus gewechselt bin.
Nach 6 Jahren Weende zog es mich dann nach Hannover, wo ich die Chance bekam, als Kaufmännischer Direktor im Klinikum Region Hannover (KRH) mehrere städtische Standorte mit zu entwickeln. Der nächste Schritt waren dann erste Erfahrungen in der Krankenhausgeschäftsführung, zunächst in Einbeck und dann eine zweijährige Tätigkeit in Frankfurt am Main, wo ich – obwohl ich mit meiner Familie inzwischen in Hannover wohnte – als Geschäftsführer einer orthopädischen Fachklinik, einer Tochtergesellschaft der Universität Frankfurt, tätig war. Während dieser ganzen Zeit gab es eigentlich immer Kontakt mit Weende, woraus sich dann irgendwann das Angebot ergab, nach Göttingen zurückzukehren, um erneut dort zu arbeiten. 2019 habe ich dann als Kaufmännischer Direktor wieder in Weende begonnen, wobei perspektivisch klar war, dass ich mittelfristig auch die Nachfolge in der Geschäftsführung antreten könnte. Eine für mich spannende und nach 20 Jahren auf der kaufmännischen Seite auch herausfordernde Zeit war dann, dass ich in den Jahren 2021 bis 2024 die Rolle des Pflegedirektors mit übernehmen durfte.
Vom direkten Patientenkontakt in der Pflege zur Geschäftsführung eines großen Krankenhauses. Was haben Sie auf diesem Weg über das Verhältnis zwischen Patientenwohl und wirtschaftlichen Aspekten des Gesundheitswesens gelernt?
Das eine bedingt das andere. An der Pflege schätze ich das direkte Feedback der Menschen, denen man hilft und mit denen man zusammenarbeitet. Ich mag das. Aber nur, wenn ein Krankenhaus wirtschaftlich arbeitet, kann es die Freiräume organisieren, in denen diese Form guter Dienstleistung möglich ist. Deshalb finde ich es besonders spannend, die operative und die kaufmännische Seite zusammenzubringen, wobei mir meine unterschiedlichen Erfahrungen natürlich nützlich sind. Zwischen Ärzten und Kaufleuten oder der Pflege und den Kaufleuten besteht keine natürliche Freundschaft. Jede Gruppe spricht ihre eigene Fachsprache und hat ihre eigenen Abläufe. Dass ich diese Sprachen und die Abläufe jedoch verstehe, ermöglicht mir, wie eine Art Übersetzer zu agieren, wobei ich meinerseits das kaufmännische Wissen um das Thema Krankenhausfinanzierung einbringen kann. Das hilft mir, allen Beteiligten verständlich zu machen, dass wir dabei nicht auf unterschiedlichen Seiten stehen, sondern miteinander am gleichen Ziel arbeiten.
Angesichts der öffentlichen Diskussion über die Entwicklung im Gesundheitswesen scheinen die Krankenkassen oft einen Gegenpol zu Krankenhäusern und Ärzten zu bilden. Wie sehen Sie das als ehemaliger Krankenkassenmitarbeiter?
Leider werden Krankenkassen in unserer stark polarisierenden Gesellschaft innerhalb der Krankenhauslandschaft häufig als Gegner erlebt. Doch der Gesetzgeber hat sie mit einem klaren Auftrag versehen: Sie sollen dafür sorgen, dass die Gesundheitsversorgung der Versicherten funktioniert, ohne dass die Beitragssätze steigen. Unser Auftrag als Krankenhaus ist in diesem Zusammenhang, die dazu nötigen Versorgungsleistungen zu erbringen, während die Krankenkassen darauf zu achten haben, dass die Beitragsmittel der Versicherten sinnstiftend verwendet werden. Dass es dabei zu Reibungen kommt, ist normal. Aber ich sehe die Krankenkassen nicht als Gegner. Wir haben ein gemeinsames Ziel. Machen wir uns das bewusst, findet sich meist auch eine Lösung.

Ist also der Staat der Buhmann?
Natürlich setzt der Staat die Rahmenbedingungen für die Finanzierung des Krankenhauswesens. Damit müssen wir arbeiten, selbst wenn gesetzliche Regelungen manchmal sehr kurzfristig verändert werden. Gleichzeitig finanziert der Staat natürlich auch die notwendigen Investitionen für unseren Betrieb.
Hilfreich wäre es allerdings, wenn die Politik klarer kommunizieren würde, wie man sich die anstehende Neuordnung der Krankenhauslandschaft genau vorstellt. Aktuell schließen unrentable Krankenhäuser. Das klingt zwar nachvollziehbar, ob es im Sinne einer guten Versorgung richtig ist, sei dahingestellt. Ebenso unrentable Krankenhäuser in öffentlicher Trägerschaft bleiben am Markt, weil die Verantwortlichen in den Kommunen davor zurückschrecken, sie zu schließen und Defizite aus Steuermitteln ausgleichen. Das erzeugt bei den freigemeinnützigen Häusern, die ja unter denselben Rahmenbedingungen nur eben ohne diese Unterstützung wirtschaften müssen, ein Gefühl der Ungleichbehandlung.
Nach außen wird in Krankenhäusern vor allem die Arbeit des medizinischen Personals wahrgenommen, was prägt Ihren Arbeitsalltag?
Der Hauptteil meiner Arbeit besteht darin, auf der Basis belastbarer Zahlen zu kommunizieren, zu organisieren und zu strukturieren sowie darin, bezüglich der kontinuierlichen gesetzlichen Neuerungen auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei geht es für mich immer darum: Wie gelingt eine gute Steuerung, die ein gutes Arbeiten ermöglicht?
Ergibt sich aus diesen Fragen auch Ihre Motivation?
In gewisser Weise. In erster Linie mache ich einfach gerne Krankenhaus. Mir jeden Tag aufs Neue zu überlegen, was ich tun muss, damit das Haus, in dem ich arbeite, in fünf oder zehn Jahren funktioniert und wie ich andere Menschen dabei mitnehme, das macht mir einfach Spaß. Im Kern geht es darum, mich zu fragen: Wo müssen wir hin und wie kommen wir dorthin?
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit weniger gut?
Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Mein Beruf stellt mich glücklicherweise vor immer wieder neue und unerwartete Herausforderungen. So wurde ich in meiner Frankfurter Zeit beispielsweise an einem Pfingstwochenende plötzlich angerufen, dass unser Notstromaggregat ausgefallen sei, was für ein Krankenhaus natürlich nicht geht. Dann über Pfingsten eine schnelle Reparatur zu organisieren, war zwar nicht einfach, aber ich mag solche Situationen. Was ich nicht mag, ist die Erkenntnis, dass trotz unserer guten Arbeit manchmal personelle oder qualitative Einsparungen nötig sind, weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine Alternative mehr zulassen. Das gilt umso mehr, weil ich aus eigener Praxiserfahrung weiß, wie wichtig die Arbeit der Betroffenen eigentlich ist.
In drei Worten: Was bedeutet Krankenhaus für Sie?
Gemeinschaft. Intensives Menscheln, weil viele Menschen mit vielen Menschen arbeiten, und viel Kommunikation.
Und wenn Sie als Patient an Krankenhäuser denken?
Menschlichkeit, Zuwendung und Sicherheit.
Sicherheit?
Unabhängig von der jeweiligen Erkrankung kommt man als Patient immer in einer Ausnahmesituation ins Krankenhaus, die für das Personal dort wiederum normal ist. Als Patient war ich selbst deshalb immer froh, zwar mit einer gewissen Empathie behandelt zu werden, aber auch zu spüren, dass sich Menschen meiner annehmen, die wissen, was sie tun, und das auch vermitteln. So entstand bei mir die Sicherheit, gut aufgehoben zu sein.
Wobei Ausnahmesituationen offensichtlich sehr unterschiedlich empfunden werden. Seit Jahren suchen immer mehr Menschen Krankenhausnotaufnahmen auch ohne medizinischen Notfall auf. Woher kommt dieses Verhalten, das ja sogar in Aggressivität münden kann, wenn entsprechende Erwartungen an schnelle Hilfe nicht erfüllt werden?
Das hat sicher verschiedene Gründe. Einer ist, dass wir den Menschen seitens des Gesetzgebers vermittelt haben, dass wir in einem Vollkaskosystem leben, in dem man immer alles überall bekommt. So entstehen Probleme, wenn sich Menschen mit entsprechenden Vorstellungen in die Abläufe eines Krankenhaussystems einordnen müssen, das diese Vollkasko-Vorstellung nicht immer leisten kann.
Inzwischen unterhalten wir uns auf der Burg Plesse und bewundern gerade die schöne Aussicht vom Rand des Burgbergs. Warum haben Sie sich dieses Ziel ausgesucht? Sind Sie Mittelalter-Fan?
Es liegt eher an der schönen Natur rund um die Burg. Ich bin sehr gern draußen, vermutlich weil ich in Hämelschenburg aufwuchs, einem kleinen Dorf im Weserbergland zwischen Bad Pyrmont und Hameln. Dort war man immer schnell im Wald, und die Aussicht auf die bewaldeten Hügel hier erinnert mich immer ein wenig an meine Heimat. Ein wenig spielt aber auch das Geschichtliche eine Rolle. Denn in Hämelschenburg gibt es auch ein wunderschönes Weserrenaissance-Schloss, in dem ich in meiner Jugend als Schlossführer gearbeitet habe.

Bei jemandem mit dem Vornamen Hauke hätte ich eher auf norddeutsche Wurzeln getippt.
Mein Vorname geht vermutlich darauf zurück, dass mein Vater damals Lehramt studierte und rund um die Namensfindung den „Schimmelreiter“ von Theodor Storm gelesen hatte.
Auch der Schlossführer-Job klingt ungewöhnlich. Wie kam es dazu?
Das war ein glücklicher Zufall: Ich ging mit der Tochter der Schlossverwalterfamilie zur Schule. Da ergab sich das ganz organisch. Ich profitiere aber noch heute davon.
Inwiefern?
Da ich schon mit 16 Jahren regelmäßig vor größeren Besuchergruppen trainieren konnte, hatte ich später nie Probleme damit, wenn ich beispielsweise auf Großveranstaltungen Reden halten sollte.
Auf unterschiedlichen Ebenen wird in Göttingen gern ein besonderes Klima des Zusammenhalts und der konstruktiven Unterstützung zitiert. Gibt es diesen „Göttingen Spirit“ auch in der lokalen Krankenhauslandschaft?
Gerade zwischen den Fachabteilungen auf der operativen Ebene gibt es zwischen den Häusern eine spürbar gute Zusammenarbeit und Abstimmung. Auf der übergeordneten Ebene spielen natürlich auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, bei denen doch jeder die eigenen Interessen im Auge behält, die sich selbstverständlich mit denen anderer überschneiden können. Allerdings ist die Krankenhauslandschaft in Göttingen relativ überschaubar. Ich kenne Ballungsräume, in denen auf engstem Raum bis zu zwanzig Krankenhäuser existieren, was zu einer viel stärkeren Konkurrenz führt.
Da wir alle eine gute Versorgung in Göttingen organisieren wollen, sind wir natürlich in einem kontinuierlichen Austausch darüber, wer beispielsweise welche Versorgung übernimmt.
Dieser Austausch erfolgt vermutlich auf der „Chefebene“. Da frage ich mich, ob man ein Alphatier sein muss, um ein Krankenhaus in diesem Zusammenhang zu repräsentieren und ob Sie dementsprechend eines sind?
Ohne diese Eigenschaft wird man nicht zum Geschäftsführer. Wobei es aus meiner Sicht unterschiedliche Phänotypen von Alphatieren gibt, und ich zu denen gehöre, die gern im Team arbeiten. Es gibt diesen Satz: „Wenn im Unternehmen nur einer entscheidet, dann ist das Unternehmen auch nur so schlau, wie dieser eine gerade ist.“ Wenn es mir also gelingt, Entscheidungen auf mehreren Schultern zu verteilen, ist mein Unternehmen schlauer und besser. Deshalb sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, diesen Prozess zu fördern und zu moderieren sowie die Struktur, die Strategie und den wirtschaftlichen Rahmen vorzugeben. Ich möchte dafür sorgen, dass die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, bestimmte Freiheitsgrade nutzen, ohne immer zuerst meine Entscheidung abzuwarten. Insofern sehe ich mich eher als Trainer, der einer Mannschaft die Richtung vorgibt. Gleichzeitig prägen dieser Anspruch, die Richtung vorzugeben, und die Bereitschaft, dabei auch Risiken einzugehen, meine Arbeit als Geschäftsführer.
Spielt diese Haltung auch ins Private hinein? Oder lehnen Sie sich zu Hause, unter Freunden oder im Verein dann gern zurück und überlassen anderen die Richtungsentscheidungen?
Ich glaube, ich kann das ganz gut. Ob das andere auch so sehen, weiß ich nicht. Ich habe vier Kinder. Wenn ich freitags nach Hause kam, war es für mich immer der beste Ausgleich zur Arbeit, mich dort zurückzulehnen und mich intensiv um Kinder und Familie zu kümmern. Entgegen meiner Wahrnehmung wurde mir jedoch später gespiegelt, an der einen oder anderen Stelle immer noch bestimmend aufgetreten zu sein. Vermutlich kann sich kaum jemand in Beruf und Privatleben völlig unterschiedlich verhalten, aber ich empfinde es wirklich als sehr angenehm, nicht immer derjenige sein zu müssen, der sagt, wo es langgeht.
Einmal abgesehen von zu Hause, wo entspannen Sie ansonsten?
In der Natur beim Fahrradfahren, ich lese gern und höre Musik. Ab und zu gehe ich auch einmal angeln, wobei aktuell – so kurz nachdem ich die alleinige Geschäftsführung übernommen habe – dafür nur wenig Zeit übrig bleibt.
Wie sind Sie zum Angeln gekommen?
Obwohl es naheliegend wäre, weil die Emmer durch Hämelschenburg fließt, war das in den USA, wo ich 1985 ein Jahr als Austauschschüler in Iowa verbrachte. Dort im mittleren Westen war genau gar nichts los, und da es auch noch keine digitalen Zerstreuungsangebote gab, lud man sich am Wochenende in der Regel ein Boot auf den Pickup und fuhr zum Angeln. Zurück in Deutschland habe ich das Hobby dann wiederentdeckt, als meine drei Jungs und meine Tochter noch klein waren. Es war schön, gemeinsam in der Natur zu sein oder zu lernen, dass man ein Tier auch töten muss, wenn man es essen möchte. Nachdem meine Kinder jetzt groß sind, gehe ich ganz unregelmäßig noch immer mit ein paar Freunden angeln.
Jetzt muss ich natürlich fragen, wie schwer Ihr größter Fang war.
Auch wenn es spannender ist, einen größeren Fisch zu angeln als einen kleinen, habe ich da keinen sportlichen Ehrgeiz. Mir geht es darum, draußen zu sein und etwas zu tun zu haben.
Ist Angeln nicht eher von meditativer Ruhe am Rande eines Sees geprägt?
Es gibt verschiedene Formen. Ich bin dabei eher auf oder am Wasser unterwegs und ziehe immer wieder neu einen Köder durchs Wasser. Da ist man eigentlich immer in Aktion.
Sie haben auch Musik als Mittel der Entspannung erwähnt. Ähnlich wie beim Angeln stellt man sich dabei ja auch eher ein Zurücklehnen und Zuhören vor – oder hören sie Musik eher als Begleitung zu anderen Aktivitäten?
In meiner Jugend habe ich selbst Musik gemacht, meist klassische Musik, beispielsweise habe ich Trompete in Orchestern und Bands gespielt. Heute höre ich immer noch gerne Klassik. Ansonsten ertappe ich mich dabei, dass es mir schwerer fällt, mich auf Neues einzulassen, sodass ich meist die Sachen höre, die mir auch früher schon gefallen haben. Was die Aktivität angeht: Ich mag Live-Musik als Konzert oder auch im Film, weil ich gern Menschen dabei zusehe, wie sie Musik machen. Ich mag es einfach, Menschen zu sehen, die das, was sie tun, gern tun und darin außerdem noch sehr gut sind.
Sie sind beruflich jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich mir vorstellen könnte, dass Sie dort auch bis zum Ende Ihrer Laufbahn bleiben. Wenn Sie mit den Erfahrungen, die Sie auf dem Weg dorthin gesammelt haben, die aktuelle Situation mit all ihren immer neuen Krisenmomenten betrachten, wie bewerten Sie das?
Was ich aktuell eher schwierig finde, ist, dass wir in einer Zeit der allgemeinen Empörung leben. Wir suchen ständig nach dem Negativen, nach Schuldigen und regen uns über irgendetwas auf. Auch was die Sicht auf die Krisen angeht, würde ich mir ein wenig mehr Gelassenheit wünschen. Vor kurzem habe ich mich mit meinem Sohn darüber unterhalten, dass Menschen meines Alters noch regelmäßig Manöver miterlebt haben. Es war normal, dass im Herbst Panzer auf den Straßen unterwegs waren oder man einen Überschallknall hörte. Auch der Kalte Krieg mit Russland war sehr bedrohlich. Heute wird all das noch zusätzlich durch diese Empörungskultur in den sozialen Medien befeuert. Trotzdem. Die Zeiten sind nicht einfach. Was mich aber wirklich erschreckt, ist das Gefühl, dass wir gesellschaftlich und menschlich eigentlich weiter wären. Dass so viele Menschen es offensichtlich ganz attraktiv finden, wenn ihnen ein Autokrat sagt, wo es lang geht – da dachte ich, dass wir das hinter uns gelassen hätten. Deshalb glaube ich, dass es heute besonders wichtig ist, sich für das Thema Demokratie zu engagieren, während für meine Kinder beispielsweise eher das Thema Klimawandel eine zentrale Rolle spielt. Glücklicherweise bin ich grundsätzlich ein Optimist. Auch wenn wir sie jetzt noch nicht kennen, wird es Lösungen geben.

Hauke Heißmeyer, Ulrich Drees
Hauke Heißmeyer
Hauke Heißmeyer (Jahrgang 1969) arbeitet als Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende (EKW). Bereits von 2003 bis 2009 war der Diplom-Kaufmann dort als Leiter des Controllings tätig und kehrte 2019 als Kaufmännischer Direktor an das Haus zurück. Zuvor arbeitete er in leitenden Funktionen im Krankenhausmanagement, unter anderem als Kaufmännischer Direktor im Klinikum Region Hannover sowie als Kaufmännischer Geschäftsführer der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt am Main und in Einbeck. Am EKW übernahm Heißmeyer neben kaufmännischen Aufgaben zeitweise auch die Pflegedirektion. Seit Juli 2025 gehört er der Geschäftsführung des Weender Krankenhauses an; seit April 2026 trägt er die alleinige Verantwortung.
Wohlfühlen in Weende
Dass sich Hauke Heißmeyer im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende wohlfühlt, ist dem neuen Geschäftsführer anzumerken. Warum, das begründet er so: „Seit ich zum ersten Mal hier war, ist eine besondere Nähe spürbar. Man wird gegrüßt und auch mal gefragt, ob man Hilfe braucht. Das liegt vielleicht an der Größe: Das Haus ist nicht zu klein, aber auch nicht zu groß. Man ist noch aneinander interessiert. Wir nennen das gern den ‚Weender Geist‘, der dafür sorgt, dass wir uns hier als Gemeinschaft empfinden, die nicht nur miteinander arbeitet, sondern auch zusammen feiern mag.“
Ein christliches Krankenhaus
„Unser christliches Selbstverständnis“, erklärt Hauke Heißmeyer, „zeigt sich nicht nur in unserem Leitbild, unserer schönen Kapelle und unseren sehr engagierten Seelsorgern, die sich ebenso um unsere Patienten wie um unsere Mitarbeitenden kümmern. Für mich ist es vor allem ein Konsens, der sicher nicht mehr so sichtbar ist wie vor zwanzig oder dreißig Jahren, aber mein Denken doch in vielen kleinen Beispielen prägt.“
Ausnahmeerlebnis
Hauke Heißmeyer erlebte die Corona-Pandemie in Göttingen als eine Zeit, in der er nicht nur konkret erlebte, dass sich die Mitarbeitenden des Weender Krankenhauses auf Covid-Stationen bewusst Risiken aussetzten, um ihren Beruf auszuüben. „Gleichzeitig war es gut“, erinnert er sich, „mitzuerleben, wie sehr uns die Herausforderungen dieser Zeit als Team zusammenbrachten und dass der Gesetzgeber uns die Gestaltungsräume bot, unseren Aufgaben nachzukommen. Die Pandemie hat auch im Nachhinein vieles verändert, denn erst heute nähern sich die Patientenzahlen in den Krankenhäusern wieder dem Niveau vor Corona. Erschreckend fand ich, wie schnell plötzlich auch so eine Geschäftemacherei einsetzte.“
