Dr. Felix Büch­ting (Foto: Julia Lor­mis)

Im Cha­rak­ter-Inter­view spricht Dr. Felix Büch­ting, Vor­stands­spre­cher von KWS, über Mei­len­stei­ne, sie­ben Gene­ra­tio­nen Unter­neh­mens­ge­schich­te und die Ruhe, mit der er das Fami­li­en­un­ter­neh­men in die Zukunft führt.

Inter­view: Ulrich Drees | Fotos: KWS

Herr Büch­ting, nach 170 Jah­ren Fir­men­ge­schich­te: Was berei­tet Ihnen gegen­wär­tig beim Blick auf Ihr Unter­neh­men die größ­te Freu­de?
Ganz klar, dass KWS ins­ge­samt sehr gut dasteht. Wir sind in einem schwie­ri­gen Markt­um­feld robust unter­wegs und es gibt aktu­ell kei­nen Anlass zur Sor­ge.

Beein­flusst die 170-jäh­ri­ge Tra­di­ti­on als Fami­li­en­un­ter­neh­men Ihre täg­li­che Arbeit?
Was die Zahl angeht, ist die zunächst mal ein Anlass für die eine oder ande­re Fei­er. Mei­ne täg­li­che Arbeit berührt das nicht. Unab­hän­gig von der Zahl ist mir die Geschich­te dahin­ter jedoch stets sehr gegen­wär­tig. Ich sehe mich als Treu­hän­der unse­res Fami­li­en­un­ter­neh­mens, das mei­ne Vor­fah­ren auf­ge­baut haben. In die­sem Sin­ne ist es erst ein­mal ein Pri­vi­leg, in die­se Fami­lie hin­ein­ge­bo­ren wor­den zu sein und nun die Mög­lich­keit zu haben, unser Unter­neh­men in sieb­ter Gene­ra­ti­on zu füh­ren. Mei­ne Auf­ga­be ist nun, KWS im Ide­al­fall in einem bes­se­ren Zustand an die nächs­te Gene­ra­ti­on zu über­ge­ben als dem, in dem ich es über­nom­men habe.
Hin­zu kommt, dass es in unse­rer Bran­che grund­sätz­lich um sehr lang­fris­ti­ge Pro­zes­se geht, sodass ich mir bewusst bin, dass mei­ne Ent­schei­dun­gen als Geschäfts­füh­rer sich über Gene­ra­tio­nen aus­wir­ken.

Was bedeu­tet das für Ihre Ent­schei­dungs­pro­zes­se?
Wir füh­ren bei­spiels­wei­se etwa alle drei Jah­re eine stra­te­gi­sche Pla­nung durch, bei der wir unse­re Erwar­tun­gen für die Zukunft in zehn Jah­ren in den Blick neh­men. Wie wer­den sich das Umfeld unse­res Unter­neh­mens, unse­re Märk­te, Wett­be­wer­ber, regu­la­to­ri­sche Rah­men­be­din­gun­gen, gesell­schaft­li­che Anfor­de­run­gen und ähn­li­che Berei­che ent­wi­ckeln? Zuletzt haben wir das 2024 gemacht und Anfang 2025 haben wir dann die stra­te­gi­sche Pla­nung bis 2035 aus­ge­rollt. Natür­lich prü­fen wir dabei kon­ti­nu­ier­lich, ob unse­re Annah­men noch zutref­fen.
Die­ser Zeit­ho­ri­zont resul­tiert letzt­lich aus unse­ren lang­fris­ti­gen Pro­dukt­in­no­va­ti­ons­zy­klen. Wenn wir bei­spiels­wei­se in eine neue Kul­tur­art ein­stei­gen, braucht es etwa zehn Jah­re, bis die ers­ten Pro­duk­te markt­reif sind, und dazu kommt noch die Über­le­gung, wie sich das Geschäft mit die­sen Pro­duk­ten über die nächs­ten fünf Jah­re hin­weg ent­wi­ckeln wird. Die Pla­nung geht also über 15 Jah­re. Gleich­zei­tig ver­kau­fen wir unse­re Pro­duk­te meist nur ein­mal im Jahr. Drei Ver­kaufs­zy­klen ent­spre­chen also bereits drei Jah­ren. All dies erfor­dert eine stra­te­gi­sche Pla­nung über ent­spre­chend lan­ge Zeit­räu­me.

Lässt sich so weit im Vor­aus ver­läss­lich pla­nen?
Es funk­tio­niert, weil wir sehr kon­stan­te Rah­men­be­din­gun­gen haben. Jedes Jahr kau­fen Land­wir­te unser Saat­gut, säen es aus und fah­ren eine Ern­te ein. Da lässt sich nichts beschleu­ni­gen. Weil wir außer­dem jähr­lich einen wei­te­ren Inno­va­ti­ons­zy­klus star­ten, kön­nen wir unse­re Pro­duk­te über des­sen Zeit­raum hin­weg aus­rei­chend tes­ten und auf ver­än­der­te Rah­men­be­din­gun­gen reagie­ren.

Die KWS-Aktie im SDAX hat im ver­gan­ge­nen Jahr um mehr als 20 Pro­zent an Wert zuge­nom­men. Wor­in begrün­det sich das?
Das ist sicher ein Indi­ka­tor dafür, dass unser unter­neh­me­ri­sches Han­deln, wie bei­spiels­wei­se der Aus­stieg aus dem gen­tech­nisch ver­än­der­ten Mais in Süd­ame­ri­ka oder unse­re star­ke Ent­schul­dung, hono­riert wird. Wobei der Kurs zugleich eben­so dar­aus resul­tiert, wie die Ana­lys­ten das Agrar­um­feld all­ge­mein ein­schät­zen. Wenn bei­spiels­wei­se ein gro­ßer Wett­be­wer­ber den Saat­gut­markt aktu­ell als schwie­rig ein­stuft, beein­flusst das auch unse­ren Kurs.

Wir leben momen­tan im Zustand der Dau­er­kri­se. Wie gehen Sie als Geschäfts­füh­rer eines inter­na­tio­nal agie­ren­den Unter­neh­mens damit um?
Natür­lich beschäf­tigt uns die geo­po­li­ti­sche Ent­wick­lung der letz­ten fünf Jah­re sehr inten­siv. Aber, um es etwas salopp aus­zu­drü­cken: „Don’t panic.“ In man­chen Situa­tio­nen, wie bei­spiels­wei­se beim Über­fall Russ­lands auf die Ukrai­ne, kann man zwar nur auf Sicht fah­ren und reagie­ren, aber das Bes­te ist immer, Ruhe zu bewah­ren und die Lage sau­ber zu ana­ly­sie­ren. Für unse­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ist es in kri­ti­schen Situa­tio­nen ent­schei­dend, dass wir ratio­na­le und trag­fä­hi­ge Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Wie schät­zen Sie die Lage der glo­ba­len Agrar­bran­che gegen­wär­tig ein?
Unser Wirt­schafts­zweig wird nicht nur von lang­fris­ti­gen Zyklen geprägt. Anders als etwa in der IT wach­sen die Bäu­me bei uns nicht in den Him­mel, dafür ist die Land­wirt­schaft sehr resi­li­ent, weil Nah­rungs­mit­tel immer benö­tigt wer­den.
Trotz­dem ste­hen die land­wirt­schaft­li­chen Betrie­be aktu­ell eher unter Druck. Es gibt Liqui­di­täts­eng­päs­se und die Dün­ge­mit­tel­prei­se stei­gen. Glo­bal sind bei­spiels­wei­se die Prei­se für Wei­zen oder Mais etwa auf dem Niveau von vor fünf Jah­ren. Die Jah­re der inten­si­ven Infla­ti­on sind für die Land­wirt­schaft ver­pufft – und auch wenn sie resi­li­ent ist, kön­nen unse­re Kun­den gera­de kei­ne ganz gro­ßen Sprün­ge machen.

Begüns­ti­gen die Erfah­run­gen, die Ihre Fami­lie in den ver­gan­ge­nen 170 Jah­ren gemacht hat, die­se beson­ne­ne Per­spek­ti­ve?
Sie sind in jedem Fall hilf­reich. Als Russ­land am 24. Febru­ar 2022 die Ukrai­ne über­fiel, war das nicht das ers­te Mal, dass wir als KWS dort einen Kon­flikt erleb­ten; wir waren dort auch bereits wäh­rend des Ers­ten und Zwei­ten Welt­kriegs prä­sent. Die ers­te Aus­lands­nie­der­las­sung der KWS ent­stand schon 1900 im ukrai­ni­schen Win­ni­za, denn dort lag damals das größ­te Zucker­rü­ben­an­bau­ge­biet der Welt. Dort aktiv zu wer­den, war für uns der ers­te Schritt in die Inter­na­tio­na­li­sie­rung. Noch heu­te gibt es in Win­ni­za Gebäu­de, die aus die­ser Zeit stam­men. Wäh­rend des Kal­ten Kriegs waren wir zwar nicht dort, aber danach konn­ten wir an die Zeit davor anknüp­fen und tra­fen auf Land­wir­te, die Inter­es­se an unse­rem hoch­wer­ti­gen Saat­gut hat­ten, und heu­te spielt die Ukrai­ne für uns wie­der eine ganz wich­ti­ge Rol­le. Noch wei­ter zurück rei­chen unse­re geschäft­li­chen Akti­vi­tä­ten in der Tür­kei, die unser ers­ter Aus­lands­markt war und nach dem Zwei­ten Welt­krieg zu unse­rem wich­tigs­ten Han­dels­part­ner wur­de.

Was sind für Sie die wich­tigs­ten Mei­len­stei­ne in der Geschich­te Ihres Fami­li­en­un­ter­neh­mens?
Da wür­de ich zwei nen­nen. Der ers­te wäre das Jahr 1885, als mit Juli­us Gies­ecke 1881 und dann Mat­thi­as Rab­beth­ge 1885 kurz nach­ein­an­der zwei mei­ner Vor­fah­ren, die in der Geschäfts­füh­rung tätig waren, in rela­tiv kur­zer Zeit gestor­ben sind. So ent­stand ein Füh­rungs­va­ku­um, kurz nach­dem ange­sichts star­ken Wachs­tums inten­siv inves­tiert wor­den war, ohne dabei auf genü­gend Liqui­di­tät zu ach­ten. Dazu kamen noch ein oder zwei fal­sche Ent­schei­dun­gen, und plötz­lich stand das Unter­neh­men kurz vor der Insol­venz. Auch dank fähi­ger Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen gelang es der Fami­lie jedoch, das Ruder her­um­zu­rei­ßen, in erheb­li­chem Maße Geld auf­zu­neh­men und noch im sel­ben Jahr erfolg­reich an die Ber­li­ner Bör­se zu gehen. Aus der „Rab­beth­ge und Gies­ecke Akti­en­ge­sell­schaft“ wur­de die „Zucker­fa­brik Klein­wanz­le­ben“, mit der Carl Rab­beth­ge die Geschäf­te der alten OHG mit wesent­lich grö­ße­rem wirt­schaft­li­chem Erfolg fort­setz­te.
Der zwei­te Mei­len­stein war sicher der 22. Juni 1945, als wir unse­ren Grün­dungs­stand­ort in Klein Wanz­le­ben im heu­ti­gen Sach­sen-Anhalt ver­lie­ßen. Ohne die Hil­fe der bri­ti­schen Streit­kräf­te, die mei­ne Fami­lie und unser wich­tigs­tes Saat­gut nach Ein­beck brach­ten, wür­de es KWS heu­te nicht mehr geben, denn Klein Wanz­le­ben gehör­te schon bald dar­auf zur sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne und dann zur DDR. Dass es damals auch mit einer Por­ti­on Glück gelang, mit weni­ger als zehn Men­schen, etwas Saat­gut, bestehen­den Han­dels­be­zie­hun­gen und Pro­dukt­kennt­nis ein Unter­neh­men mit 1,7 Mil­li­ar­den Euro Umsatz und ca. 5.000 Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen auf­zu­bau­en, dar­aus erwächst für mich eine gewis­se Demut.
Denn auch wenn wir heu­te von einer Poly- oder Per­ma­kri­se spre­chen, haben Men­schen schon weit­aus schwie­ri­ge­re Zei­ten erlebt. Ja, es ist her­aus­for­dernd und vie­les ist unvor­her­seh­bar. Aber – abge­se­hen von unse­ren Kol­le­gen in der Ukrai­ne – gehen die aller­meis­ten KWS-Mit­ar­bei­ter doch abends nach Hau­se, haben ein Dach über dem Kopf und machen sich kei­ne Sor­gen, dass sie am nächs­ten Tag wie­der zur Arbeit gehen kön­nen.

Erwächst aus die­sem Neu­start eine beson­de­re Bezie­hung zu Ein­beck, wo heu­te ca. 2.000 der ins­ge­samt rund 5.000 KWS-Beschäf­tig­ten arbei­ten?
Ein­beck ist und bleibt der Haupt­sitz der KWS. Irgend­je­mand hat mal gesagt: „Solan­ge bei KWS ein Bau­kran steht, geht es der Fir­ma gut.“ Und das ist nun schon rela­tiv lan­ge der Fall. Auch jetzt steht nicht weit von hier ein Kran, denn wir inves­tie­ren gera­de 25 Mil­lio­nen Euro in die neue Phy­topa­tho­lo­gie und wer­den unse­ren Stand­ort hier auch wei­ter aus­bau­en und natür­lich im Bestand moder­ni­sie­ren.

War­um inves­tie­ren Sie in die­sen Bereich, also die Erfor­schung von Pflan­zen­krank­hei­ten?
Einer­seits wird es wegen des Kli­ma­wan­dels immer wich­ti­ger, über mög­lichst krank­heits­re­sis­ten­te Pflan­zen zu ver­fü­gen. Ande­rer­seits reagie­ren wir damit auf sich ver­än­dern­de Regu­la­to­ri­en, die zuneh­mend weni­ger Pflan­zen­schutz­mit­tel erlau­ben. Das führt zum häu­fi­ge­ren Auf­tre­ten von Schad­insekten, die dann auch Krank­hei­ten über­tra­gen. Bei unse­rer For­schung geht es des­halb dar­um, dage­gen mög­lichst eine gene­ti­sche Tole­ranz oder Resis­tenz zu ent­wi­ckeln. Dass wir immer wie­der dar­auf schau­en, in wel­che Rich­tung sich die Bedürf­nis­se der Land­wirt­schaft in den nächs­ten fünf bis zehn Jah­ren ent­wi­ckeln, ist aus mei­ner Sicht das Erfolgs­ge­heim­nis von KWS.

Bis Sie das Unter­neh­men an eine ach­te Gene­ra­ti­on über­ge­ben, dürf­te ja noch eini­ge Zeit ver­ge­hen. Haben Sie jetzt schon einen Rat­schlag für Ihre Nach­fol­ger?
Mei­ne kla­re Emp­feh­lung ist, erst mal das zu machen, wozu sie Lust haben, sich die Welt anzu­gu­cken und viel­leicht in einem ande­ren Bereich zu arbei­ten. Wenn dann Inter­es­se da ist, im Unter­neh­men Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, soll­ten sie die­sen Schritt wagen.

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