Moor Mecklenbruch im Solling
Sie sind Lebensraum, Naturerbe, Mystik und Geschichte zugleich. Moore gehören zu den geheimnisvollsten Landschaften Europas, und einige der wertvollsten liegen direkt vor unserer Haustür.
Text: Kristin Schild | Fotos: Kristin Schild, Adobe Stock
Was ist eigentlich ein Moor? >>> Ein Moor ist kein Sumpf und auch kein gewöhnliches Feuchtgebiet. Es ist etwas Eigenes, etwas Uraltes. Moore entstehen dort, wo abgestorbenes Pflanzenmaterial, vor allem Torfmoose, nicht vollständig verrottet, weil der Boden dauerhaft wassergesättigt und sauerstoffarm ist. Statt zu verrotten, schichtet sich das organische Material über Jahrtausende auf, im Durchschnitt etwa einen Millimeter Torf pro Jahr. Das klingt zunächst nach wenig, bedeutet aber, dass sich in manchen Mooren auf diese Weise fünf, sechs, manchmal sogar zehn Meter mächtige Torfschwarten gebildet haben. Ein Hochmoor wächst buchstäblich aus sich heraus, ernährt sich ausschließlich vom Regenwasser und entwickelt dabei eine geradezu eigenwillige Vegetation. Torfmoose, Wollgras, Sonnentau und Rosmarinheide sind Pflanzen, die auf anderen Böden schlicht keine Chance hätten. Genau das macht Moore zu Lebensräumen, die es sonst nirgends gibt und die deshalb unter besonderem Schutz stehen.
Moore im Solling – ein unterschätzter Schatz >>> Wer an Moore denkt, denkt meist an das norddeutsche Flachland, an weite, windgepeitschte Heiden und endlose Torfstiche. Dass der Solling, das bewaldete Mittelgebirge im Süden Niedersachsens, ebenfalls eine reiche Moorlandschaft beherbergt, wissen selbst viele Einheimische nicht. Ursprünglich erstreckte sich die Moorfläche des Sollings auf über 1.000 Hektar, verteilt auf etwa 30 einzelne Moore. Der bekannteste unter ihnen ist das Mecklenbruch bei Silberborn. Es gilt als eines der am besten erhaltenen Hochmoore des niedersächsischen Berglandes und beherbergt eine einzigartige, vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenwelt, von typischen Torfmoosen über Rosmarinheide bis hin zum seltenen Mittleren Sonnentau. Urkundlich erwähnt wurde das Mecklenbruch erstmals 1575, und schon ab 1799 wurde der Torf über mehrere Jahrzehnte als Brennstoff für eine benachbarte Glashütte abgebaut. Die Geschichte dieses Moors ist also auch eine Geschichte menschlicher Nutzung und menschlichen Eingreifens.
Moore in der Region – von Harz bis Weserbergland >>> Wer den Blick weitet, entdeckt, dass die gesamte Region um Göttingen von bemerkenswerten Moorlandschaften umgeben ist. Im Harz, rund eine Stunde östlich, liegt das Große Torfhausmoor, Teil eines der besterhaltenen Moorgebiete Deutschlands und eines der beliebtesten Ausflugsziele im Nationalpark. Am Nationalparkzentrum TorfHaus beginnt eine gut ausgeschilderte Rundwanderung über Bohlenstege direkt ins Moorgebiet, die auch für ungeübte Wanderer gut zu bewältigen ist. Tatsächlich sind rund 2.000 Hektar des Harzes vermoort, davon 500 Hektar besonders seltene, weitgehend waldfreie Hoch- und Niedermoore. Ebenfalls einen Ausflug wert ist das Friedrichshäuser Bruch. Ein 30 Hektar großes Hangmoor ebenfalls mitten im Solling, das sich gerade in einem laufenden Prozess der Renaturierung befindet.
Zwischen Ehrfurcht und Schauder – Moore in der Volkskultur >>> Es ist nicht schwer zu verstehen, warum Moore die Menschen seit jeher gleichermaßen fasziniert und gefürchtet haben. Diese nebelverhangenen Landschaften mit ihren unheimlichen Geräuschen, dem trügerischen Boden und den seltsamen Lebewesen, die in ihnen hausen, wirkten auf frühere Generationen wie eine andere Welt, ein Ort, an dem die Grenzen zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten verschwammen. Einen festen Platz in der Moormythologie haben bis heute die Irrlichter, jene mystischen Lichterscheinungen, die arglose Wanderer vom richtigen Weg abbringen sollten. Mal als Seelen Verstorbener gedeutet, mal als koboldhafte Trickster, war das Moor in der Volksvorstellung stets ein Zwischenreich, eine Schwelle zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten. Die nüchterne wissenschaftliche Erklärung ist dabei kaum weniger faszinierend als die Sage selbst: Im Moor entstehen Faulgase, die sich beim Austritt aus dem Boden von selbst entzünden können. Das Moor glüht also tatsächlich. Es braucht dafür keine Geister.
Moorleichen – das Moor als Archiv der Geschichte >>> Doch das Gruseligste, was das Moor zu bieten hat, ist keine Sage, sondern Wirklichkeit. Seit Jahrhunderten stoßen Torfstecher beim Abbau auf menschliche Überreste, oft erschreckend gut erhalten, mit noch erkennbaren Gesichtszügen, Haaren und sogar Fingernägeln. Was wie ein Albtraum klingt, ist in Wirklichkeit ein Wunder der Chemie. Der extrem niedrige pH-Wert der Hochmoore konserviert organisches Material auf eine Weise, die selbst Wissenschaftler immer wieder in Staunen versetzt. Die Huminsäuren des Moores gerben den Körper ähnlich wie eine Tierhaut, sodass Haut, Haare, Nägel und mitunter sogar innere Organe noch Jahrhunderte oder Jahrtausende nach dem Tod erhalten bleiben. Diese sogenannten Moorleichen gehören zu den eindringlichsten Zeugnissen vergangener Zeiten, die uns die Natur überlassen hat.
Sind das also alles Menschen, die versehentlich im Moor versunken sind? Nicht ganz. Die Hintergründe sind vielschichtig. Neben Unglücksfällen gibt es deutliche Hinweise auf rituelle Opfer, Hinrichtungen oder bewusste Bestattungen, denn viele der gut untersuchten Funde tragen Spuren von Gewalt. Das Moor war offenbar kein Ort, an dem man nur zufällig endete. Allein aus Niedersachsen sind etwa 60 Moorleichenfunde bekannt, von denen heute allerdings nur noch 15 erhalten sind. Viele wurden beim Torfstechen entdeckt, wieder vergraben oder gingen verloren, bevor Wissenschaftler sie überhaupt untersuchen konnten. Neue Funde sind heute kaum noch zu erwarten, denn zu viele Moore wurden entwässert und abgebaut. Was das Moor über Jahrtausende so sorgfältig bewahrt hat, ist damit oft für immer verloren.
Ein Ökosystem von unschätzbarem Wert >> Intakte Moore sind gigantische Kohlenstoffspeicher. Das Wachstum der Torfmoose entzieht der Atmosphäre kontinuierlich Kohlendioxid, das sich über Jahrtausende im Torf ansammelt. Gleichzeitig wirken Moore wie natürliche Schwämme, die beachtliche Niederschlagsmengen aufnehmen, Starkregenfälle abpuffern und die Bildung von sauberem Grundwasser fördern. In Zeiten häufiger werdender Extremwetterereignisse ist das keine abstrakte Naturschutzfrage mehr, sondern eine sehr handfeste Frage der regionalen Wasserversorgung. Das Problem ist, dass beispielsweise im Solling in den letzten zwei Jahrhunderten nahezu alle Moore entwässert wurden, hauptsächlich um sie anschließend mit Fichten aufzuforsten. Ein entwässertes Moor tut dabei das genaue Gegenteil eines intakten: Es gibt den einst gebundenen Kohlenstoff als CO₂ wieder an die Atmosphäre ab, und das über Jahrzehnte hinweg.
Renaturierung – die Rückkehr des Wassers >>> Die gute Nachricht ist, dass gehandelt wird. Die Forstämter Dassel und Neuhaus arbeiten seit 15 Jahren systematisch daran, die wertvollsten Flächen zu renaturieren, und haben dabei unter Nutzung verschiedener Förderprogramme rund drei Millionen Euro investiert. Bereits 40 Prozent der potenziellen Renaturierungsflächen wurden wieder in Stand gesetzt. Den Rahmen dafür bildet auf Landesebene das Programm „Niedersächsische Moorlandschaften“ von 2016, mit dem das Land das Ziel verfolgt, die vielfältigen Funktionen der Moore für Klimaschutz, biologische Vielfalt und Gewässerschutz langfristig zu erhalten und auszubauen. Finanziert wird die Arbeit im Solling durch ein Zusammenspiel aus Landesmitteln und EU-Förderprogrammen. Es ist eine mühsame, langwierige Arbeit, denn ein Moor lässt sich nicht über Nacht zurückgewinnen. Dass solche Projekte inzwischen Fahrt aufgenommen haben, zeigt sich auch andernorts im Land. Im EU-LIFE-Projekt „Hannoversche Moorgeest“ nördlich von Hannover werden aktuell auf rund 2.243 Hektar gleich vier Moore gleichzeitig renaturiert, Entwässerungsgräben verschlossen und Moordämme gebaut, um das Wasser zurückzuhalten. Der Solling ist also kein Sonderfall, sondern Teil einer landesweiten Bewegung.
Moor erleben – hinein ins Naturschutzgebiet >>> Das Mecklenbruch ist nicht nur ökologisch bedeutsam, sondern auch eines der eindrucksvollsten Naturerlebnisse, die der Solling zu bieten hat. Ein Moorlehrpfad führt Besucherinnen und Besucher durch das Schutzgebiet, vorbei an Torfmoosteppichen und blühender Heide, und wer zur richtigen Jahreszeit kommt, erlebt vielleicht auch ziehende Kraniche oder Schwarzstörche, die das Moor als Rastplatz nutzen. Der Einstieg liegt bei Silberborn und ist über die B 497 gut zu erreichen. Wenn man den Hochsolling ohnehin erkunden möchte, kann das Mecklenbruch wunderbar mit einer Wanderung zum Aussichtsturm Hochsolling oder durch das benachbarte Hellental verbunden werden.
Wer einmal durch das Moor gegangen ist, im Frühmorgen, wenn der Nebel noch knapp über den Torfmoosen liegt, der versteht sehr schnell, warum diese Landschaft die Menschen seit Jahrtausenden nicht loslässt.
Torfhaus Moor im Harz
